• 06.07.2015, 14:13:31
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Gewaltprävention heute ist Antwort auf die Geschehnisse von gestern Landesrätinnen Baur (Tirol) und Wiesflecker (Vorarlberg)

Landesrätinnen Baur (Tirol) und Wiesflecker (Vorarlberg) präsentierten Gesamtstudie zur Geschichte der Fürsorge- und Heimerziehung

Utl.: Landesrätinnen Baur (Tirol) und Wiesflecker (Vorarlberg)
präsentierten Gesamtstudie zur Geschichte der Fürsorge- und
Heimerziehung =

Innsbruck (OTS) - (VLK) - "Es ist beschämend und traurig, dass
Jugendliche und Kinder seelische, physische und sexuelle Gewalt
erleiden mussten. Dafür müssen wir die Betroffenen um Verzeihung
bitten." Es sei wichtig, das Tabu um die Missstände in manchen Heimen
und Erziehungseinrichtungen in der Zeit vor 1990 aufzubrechen und
dieses sensible Thema lückenlos aufzuarbeiten. Das sagten die
Soziallandesrätinnen aus Tirol und Vorarlberg, Christine Baur und
Katharina Wiesflecker, am Montag, 6. Juli 2015, in Innsbruck bei der
Präsentation der Studie über die Fürsorge- und Heimerziehung in Tirol
und Vorarlberg.

Tirol und Vorarlberg verfügten über eine hohe Dichte an Heimen und
hatten ein Abkommen über eine wechselseitige Übernahme der
Fürsorgekinder. Die von beiden Ländern beim Institut für
Erziehungswissenschaften der Universität Innsbruck in Auftrag
gegebene Studie betrachtet auch vier Landeserziehungsheime -
Jagdberg/Schlins (V), St. Martin/Schwaz, Mariatal/Kramsach und
Kleinvolderberg (T) - im Detail. Die Kernaussage: "Die
Anstaltserziehung vereinte alle Machtquellen, die eine totale
Erziehungssituation kennzeichnen: Isolierung, Entindividualisierung,
Abhängigkeit und nahezu schutzlose Ausgeliefertheit der ihr
anvertrauten Kinder und Jugendlichen." Dieses System habe gewaltvolle
Erziehungspraktiken in all ihren Formen der körperlichen, psychischen
und sexualisierten Gewalt erzeugt, toleriert und nicht verhindert,
ziehen Studienautorin Michaela Ralser und ihr Forschungsteam Bilanz
über die bis in die 1980-er Jahre reichende Geschichte der
Fürsorgeerziehung. Erziehung und Ordnung seien zudem vor Bildung und
Ausbildung gesetzt worden.

Bei der Aufarbeitung der Vorkommnisse setzen beide Länder neben
der wissenschaftlichen Erforschung der Heimgeschichte und
Fürsorgeerziehung auf Hilfestellung für die Opfer und
Präventionsmaßnahmen zur Verhinderung von Gewalt. Seit 2010 haben
sich in Vorarlberg 260 Menschen an die Opferschutzstelle des Landes
gewandt. An 159 Betroffene wurden in Summe über 1,43 Millionen Euro
als finanzielle Unterstützung ausbezahlt, weiters wurden für 43
Personen Therapiekosten in Gesamthöhe von 81.000 Euro übernommen. In
Tirol haben bisher 362 Betroffene eine Entschädigungssumme von
insgesamt rund 2,3 Millionen Euro erhalten. 53 Personen nehmen das
Angebot des Landes Tirol in Anspruch, das Erlebte mit therapeutischer
Unterstützung in Einzeltherapien oder Selbsthilfegruppen
aufzuarbeiten. In beiden Ländern bleiben die Opferschutzstellen
weiterhin offen.

Maßnahmenbündel geschnürt

"Die Studie zur Fürsorgeerziehung soll nicht nur einen Beitrag zur
historischen Aufarbeitung, sondern auch für die sorgsame Gestaltung
der gegenwärtigen Kinder- und Jugendhilfepraxis leisten", führte
Landesrätin Wiesflecker aus. Neben dem Opferschutz gehe es auch
darum, durch verstärkte Sensibilisierung, Bewusstseinsbildung und
Prävention Gewalt und Missbrauch gegenüber Kindern und Jugendlichen
jetzt und in Zukunft wo immer möglich zu verhindern. Zu diesem Zweck
wurde in Vorarlberg eine Expertengruppe mit der Erarbeitung von
Maßnahmen zur Gewaltprävention in der Erziehung von Kindern und
Jugendlichen, die außerhalb der Familie aufwachsen, beauftragt. Zum
vorgelegten "Maßnahmenbündel Opferschutz" gehören ein neues Kinder-
und Jugendhilfegesetz mit einem Anhörungsrecht für die Betroffenen
ebenso wie der Verzicht auf geschlossene Einrichtungen und eine
wohnortnahe Unterbringung mit regelmäßigem Kontakt zu wichtigen
Bezugspersonen.

Ein Teil der vorgeschlagenen Maßnahmen wurde bereits
abgeschlossen, der weitaus größere Teil hingegen muss kontinuierlich
verfolgt und weiterentwickelt werden. So wird in Vorarlberg heuer ein
Budget von 70.000 Euro für Projekte zur Gewaltprävention in
Einrichtungen zur Verfügung gestellt. Im Rahmen eines Pilotprojektes
hat die Vorarlberger Kinder-und Jugendanwaltschaft eine Ombudsstelle
für fremduntergebrachte Kinder und Jugendliche eingerichtet, die
Sprechstunden in den sozialpädagogischen Einrichtungen anbietet.
Mindestens zweimal jährlich haben die MitarbeiterInnen der
öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe Kontakt zu den Kindern. Im
Herbst soll eine Fachtagung der Kinder- und Jugendhilfe stattfinden,
zu der auch VertreterInnen der Familiengerichte und der Kinder- und
Jugendpsychiatrie eingeladen werden. Denn "die Studie liefert
Erklärungsansätze und weist auf Rahmenbedingungen hin, die auch heute
immer wieder kritisch zu hinterfragen sind", so Wiesflecker.

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