- 02.07.2015, 10:07:09
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GLOBAL 2000 Faktencheck: die unrichtigen Darstellungen der Pestizidindustrie
Umweltschützer, Imker und Wissenschafter fordern von Pestizidherstellern wahrheitsgemäße und sachliche Information über ihre Produkte
Utl.: Umweltschützer, Imker und Wissenschafter fordern von
Pestizidherstellern wahrheitsgemäße und sachliche Information
über ihre Produkte =
Wien (OTS) - am 2.7.2015: Veranlasst durch unrichtige Aussagen der
Industriegruppe Pflanzenschutz (IGP) über die von GLOBAL 2000
veranstaltete Roundtable-Diskussion zur Bienenkrise entschloss sich
die österreichische Umweltschutzorganisation dazu, jene Behauptungen
und Argumente, die von den Pestizidherstellern wiederholt als Beleg
für die Harmlosigkeit ihrer Pestitzidprodukte ins Rennen geführt
werden, einem umfassenden Faktencheck zu unterziehen.
Unterstützung in Detailfragen erhielt GLOBAL 2000 hierbei vom
Neurobiologen und Bienenforscher Prof. Randolf Menzel, vom
Präsidenten des Europäischen Berufsimkerverbandes Walter Haefeker,
vom Co-Initiator der österreichischen Erhebungen von Winterverlusten
bei Honigbienen, Dr. Robert Brodschneider von der
Karl-Franzens-Universität Graz, und vom Obmann der Biene Österreich,
Josef Stich.
GLOBAL 2000 prüfte für diesen Faktencheck die auf dem APA-Service
www.ots.at abrufbaren Presseaussendungen der IGP, die Bienen und/oder
Pestizide zum Thema hatten, hinsichtlich der Richtigkeit der darin
getätigten Darstellungen und kam zu folgenden Ergebnissen:
1.) Wissenschaftliche Erkenntnisse der EFSA werden ignoriert
So schreiben die Pestizidhersteller beispielsweise noch im April
2014: "Dabei sind die Neonicotinoide eine Erfolgsgeschichte des
Pflanzenschutzes: "Durch die Aufbringung direkt auf das Saatkorn
verteilt sich der Wirkstoff in der Pflanze. Daher kommen nur die
Pflanzenschädlinge damit in Kontakt."" Walter Haefeker, Präsident des
Europäischen Berufsimkerverbandes, ist erstaunt: "Um solche Aussagen
treffen zu können, müssen die Pestizidhersteller den
wissenschaftlichen Prozess der letzten sechs Jahre zum Thema
Neonicotinoide vollständig ignoriert haben. Denn dass systemische
Insektizide wie die Neonicotinoide über den Saftstrom der Pflanze
auch in den Pollen und Nektar gelangen, wo sie von Bienen aufgenommen
werden, ist schon seit vielen Jahren wissenschaftlich belegt. Bei der
umfassenden Neubewertung dreier systemischer Neonicotinoide und des
Insektizids Fipronil durch die europäische Zulassungsbehörde EFSA
2013 wurde bestätigt, dass Bienen über Staub bei der Aussaat sowie
über Rückstände in Pollen, Nektar, Honigtau und Guttationswasser mit
den Wirkstoffen in Kontakt kommen. Die von der EU-Kommission
verhängten Anwendungsverbote dieser Pestizide basieren genau auf
diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen."
2.) Bienenmonitorings werden selektiv zitiert und falsch
wiedergegeben
Öffentlich verfügbare Zahlen über Bienenverluste, ob von der Agentur
für Gesundheit und Ernährungssicherheit AGES, von der
Karl-Franzens-Universität Graz oder dem Projekt "Zukunft Biene" des
BMLFUW werden wiederholt aus dem Zusammenhang gerissen dargestellt
und unrichtig interpretiert: So schreibt die IGP beispielsweise im
Juni des Vorjahres über die von der Karl-Franzens-Universität
erhobenen winterlichen Bienenverluste 2013/2014: "Zusätzlich ist
festzuhalten, dass gerade aus den Gebieten mit intensiver
landwirtschaftlicher Nutzung wie der Steiermark und Oberösterreich
die geringsten Verluste gemeldet wurden. Der Vorwurf, dass
Pflanzenschutzmittel hauptverantwortlich für das Bienensterben seien,
wird damit ad absurdum geführt" [..]" Zu einem ganz anderen Ergebnis
kam der Urheber der Studie, der Biologe Dr. Brodschneider von der
Karl-Franzens-Universität Graz: "Tatsächlich ließ sich bei den hier
angesprochenen Winterverlusten, basierend auf den Meldungen der
Imkereien wie auch schon in den Vorjahren, eine erhöhte
Wintersterblichkeit in der Nähe von bestimmten Kulturen wie
beispielsweise Raps oder Mais feststellen", so Brodschneider, "Aus
unseren Ergebnissen lässt sich mit Bestimmtheit kein Freispruch für
Neonicotinoide konstruieren. Versuche in diese Richtung - von wem
auch immer - sind daher entschieden zurückzuweisen."
3.) Studien, die Pestizide belasten, werden kritisiert
Studien und Untersuchungen, welche den Produkten der
Pestizidhersteller negative Auswirkungen auf Umwelt oder Gesundheit
attestieren, werden als entweder veraltet, nicht ausreichend
repräsentativ, unwissenschaftlich oder sogar tendenziös dargestellt.
Dabei scheint es keinen Unterschied zu machen, ob hinter diesen
Publikationen Top-Journale wie Nature oder Science, die
Weltgesundheitsorganisation WHO oder Umweltschutzorganisationen wie
Greenpeace oder GLOBAL 2000 stehen. So wurde beispielsweise das
"Worldwide Integrated Assessment of the Impacts of Systemic
Pesticides on Biodiversity and Eco Systems", die bis heute
umfassendste Studie über Neonicotinoide, für die ein 29-köpfiges,
multidisziplinäres Wissenschaftsteam mehr als tausend Studien aus den
letzten fünf Jahren analysierte, von der IGP in ihrer Aussendung vom
24. Juni 2014 als "eine Auslese mehrerer Worst-Case-Szenarios, die
größtenteils unter Laborbedingungen zustande gekommen sind"
abqualifiziert. Die IGP ging sogar so weit, den Autoren unlautere
Motive zu unterstellen: "Leider scheint es so, dass das einzige Ziel
dieser Publikation ein dauerhaftes Verbot von Neonicotinoiden ist -
unabhängig davon, ob Feldstudien dies unterstützen oder nicht". Nicht
einverstanden mit dieser Interpretation der IGP ist der
Bienenforscher Randolf Menzel: "Sehr niedrige Dosen, die denen
entsprechen, die Bienen chronisch von gespritztem oder
insektizidgebeiztem Raps aufnehmen, haben nachweislich massive
subletale Effekte. Das Lernvermögen der Bienen, die Nutzung ihres
Gedächtnisses, ihre Navigation und ihre Tanzkommunikation werden
stark gestört. Die zugrunde liegenden Studien können nicht als
‚Laborversuche‘ abgetan werden, denn sie wurden unter Bedingungen
durchgeführt, die denen entsprechen, die Bienen in der Landwirtschaft
erleben. Besonders erschreckend ist die Wirkung von Thiacloprid, das
immer wieder fälschlich als weniger bienengefährlich betrachtet wird.
Dies ist nicht der Fall. Bereits chronisch aufgenommene Dosen im
Bereich von wenigen Nanogramm pro Biene und Sammelflug zeigen die
oben angegebenen Effekte."
4.) Auf den ersten Blick einleuchtende Argumente halten einer
Überprüfung nicht stand
Zu diesen einfachen, einleuchtenden, aber dennoch unrichtigen
Beispielen zählt das von der Industrie in der OTS vom 2. April 2014
angeführte Australien-Varroa-Beispiel, Zitat: "Um die Gefährlichkeit
der Varroa-Milbe zu demonstrieren, verweist der Bienenexperte auf
Australien. "Dort gibt es derzeit über 550.000 Wirtschaftsvölker
sowie Millionen von verwilderten europäischen Honigbienenvölkern.
Pflanzenschutzmittel werden dort ebenso angewendet, dennoch gibt es
in Australien keine nennenswerten Bienenverluste. Der Grund: In
Australien ist die Varroa-Milbe bislang noch nicht aufgetreten"."
Serena Dorf vom Verband der australischen Bestäubungsimker kann über
solche Aussagen nur den Kopf schütteln: "Jene Imker, die bei uns in
Australien ihre Bienenstände in landwirtschaftlichen Regionen
platzieren, kämpfen zusehends mit Bienenverlusten, die es vor dem
Einzug der systemischen Insektizide in dieser Form nicht gegeben hat.
Die Situation bei uns ist möglicherweise vergleichbar mit jener in
Europa vor fünf bis zehn Jahren, als Imker, Umweltschützer und
Wissenschafter bereits auf Probleme mit Neonicotinoiden aufmerksam
machten, die zuständigen Behörden diesen Zusammenhang aber noch in
Abrede gestellt hatten."
5.) Bienenschäden laut IGP Folge der unsachgemäßen Anwendung
durch Landwirte
Immer wieder behauptet und betont die IGP in ihren Aussendungen die
angebliche Sicherheit ihrer Pestizide, vor allem der verbotenen
Neonicotinoide, für Bienen und Umwelt. Allerdings immer unter der
Einschränkung "bei sachgemäßer Anwendung". Josef Stich, Obmann der
Biene Österreich, dazu: "In Österreich gab es ab 2008 (bis 2013)
regelmäßig Schäden durch neonicotinoide Maisbeizen. Diese wurden ab
2009 durch die AGES auf wissenschaftlicher Basis untersucht und
dokumentiert. Den Aussagen der IGP zu Folge wären all diese Schäden
unsachgemäßen Anwendungen durch Landwirte zuzuordnen. Wir wissen
heute, dass Pestizide auch bei sachgemäßer Anwendung durch die
Landwirte zu einer Exposition von Bienen führen können. Solange aber
die Pestizidhersteller diese Möglichkeit ignorieren, bleiben
letztendlich genau zwei Dumme über: der Imker, der den Schaden hat,
und der Landwirt, der dem Verdacht einer unsachgemäßen, also
letztlich gesetzwidrigen Anwendung ausgesetzt ist. Das kann`s doch
nicht sein!", so Stich.
Helmut Burtscher, Umweltchemiker von GLOBAL 2000, fasst zusammen:
"Die hier angeführten Beispiele repräsentieren nur einen
vergleichsweise kleinen Teil aus der Gesamtheit der unrichtigen
Darstellungen in den Presseaussendungen der IGP. Daher drängt sich
eine Frage ganz besonders auf", so Burtscher weiter, "Wenn sogar die
öffentlich einsehbaren Angaben und Aussagen der Pestizidhersteller
derart unzuverlässig und unrichtig sind, wie sieht es dann erst mit
jenen, dem Betriebsgeheimnis unterliegenden Herstellerangaben und
Versuchsdaten, die im Rahmen des Zulassungsverfahrens von der
Industrie als Beleg für die Umwelt- und Gesundheitsverträglichkeit
ihrer Produkte vorgelegt werden müssen, aus?" GLOBAL 2000 leitet aus
den Ergebnissen des vorliegenden Faktenchecks die dringende Forderung
ab, das europäische und die nationalen Zulassungsverfahren für
Pestizidwirkstoffe und Pflanzenschutzmittel transparent zu gestalten,
und die Herstellerangaben einem wissenschaftlichen
Begutachtungsprozess zu unterziehen.
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