• 29.06.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Ist Europa blöd?“

Ausgabe vom 30. Juni 2015

Utl.: Ausgabe vom 30. Juni 2015 =

Wien (OTS) - "Vergesst die Sparpolitik oder lebt mit deren globalen
negativen Auswirkungen", warnte Joseph Stiglitz,
Wirtschafts-Nobelpreisträger. Der chinesische Regierungschef sprach
sich in Brüssel für einen Verbleib Griechenlands in der Eurozone aus.
China wäre auch bereit, Finanzmittel für den EU-Investitionsfonds
bereitzustellen. Und der US-Finanzminister warnte die EU mehrmals,
dass ein "Grexit" verhängnisvolle Auswirkungen auf die Weltwirtschaft
hätte.

Und was tut Europa? Es besteht auf Sparmaßnahmen Griechenlands, weil
wenn das nicht hält, könnt’ ja jeder kommen ...

Dass Griechenland durch diese Sparpolitik seit 2010 ein Viertel
seiner Wirtschaftsleistung verloren hat - wurscht. Dass die Eurozone
mit ihrem Sparfimmel den Wohlstand der reichsten Wirtschaftsregion
gefährdet - egal. Wachstum, Jobs, Innovation? Unwichtig, Hauptsache,
es gibt einen "Primärüberschuss" im Budget 2015.

Wozu das Ganze gut sein soll, wissen die tausenden EU-Beamten in
Brüssel nicht, und vor allem nicht 500 Millionen Bürger.
Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker blieb am Montag dabei, dass
er eine "politische Kommission" leitet. Das ist schön für ihn, aber
wo bleibt die Politik?

Natürlich betrachten europäische Bürger die für sie ungewohnt weit
entfernte EU skeptisch. Diese Bürger lebten bisher in Nationen, und
wenn Bürgermeister und Regierungen nicht mehr autonom sind, macht
sich Unruhe breit.

Doch genau das ist die Entwicklung der Welt. Wenn sich Europa der
Globalisierung politisch nicht stellt, wird Griechenland unsere
geringste Sorge sein. 300 Milliarden Schulden?

In die europäischen Banken ist während der Finanzkrise das Zehnfache
geflossen, ohne dass es eine derartige Krise gegeben hätte.

Die Tsipras-Regierung ist unerfahren und agiert unbeholfen? Nun, sie
ist erst seit fünf Monaten im Amt und hat wenig Unterstützung
erfahren. Hilfe wäre angesagt gewesen, nicht Befehle.

Man kann den Griechen einiges vorwerfen. Das Land wurde
jahrzehntelang grottenschlecht regiert - zuerst von Sozial-, dann von
Christdemokraten. Sehr viele Bürger betrügen ihren Staat, auch das
stimmt und muss sich ändern.

Doch der grundlegende Fehler liegt im System EU. Falsche Kriterien
und ein alles dominierendes Deutschland kosten Europa mehr als das
sieche Griechenland. China und die USA haben das erkannt. Warum
kapiert es Europa nicht?

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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