- 25.06.2015, 19:30:01
- /
- OTS0285 OTW0285
Wiener Zeitung – Leitartikel von Walter Hämmerle: „Was passieren wird“
Ausgabe vom 26. Juni 2015
Utl.: Ausgabe vom 26. Juni 2015 =
Wien (OTS) - Probleme kleinzureden, ist die Spezialität von
Regierungen; sie zu leugnen oder zu Alpträumen aufzublasen, ist das
Privileg der Opposition. Auf der Strecke bleibt ein pragmatischer
Realismus, der eine nüchterne Ahnung vom Kommenden zu vermitteln
vermag.
Folgendes wird sich in Österreich zutragen:
Für heuer ist mit rund 70.000 Asylanträgen zu rechnen; dafür, dass es
demnächst deutlich weniger sein werden, gibt die weltpolitische Lage
keinen Anlass. Bei einer - laut Experten - zu erwartenden
Anerkennungsquote von 40 Prozent wird sich Österreich bis 2019 um
140.000 zusätzliche Flüchtlinge dauerhaft kümmern müssen. Natürlich
könnte eine EU-weite Aufteilung der Asylwerber diese Zahl reduzieren,
sicher ist das nicht. Es gehört zur Aufgabe verantwortungsvoller
Regierungen, nicht Schönwetter-Szenarien zur Grundlage von Politik zu
machen, sondern die angekündigten Sturmböen.
Die nächste Wahrheit lautet: Das Gros der Flüchtlinge wird kommen, um
zu bleiben. Was nicht wirklich verwundert: Ihre Heimatländer -
Syrien, Irak, Afghanistan, Libyen und andere - sind auf Jahrzehnte
hinaus zerstört.
140.000 zusätzliche Menschen im Land brauchen kurzfristig feste
Unterkünfte, Kleidung und Nahrung. Das ist durch Organisation und mit
ein bisschen gutem Willen machbar.
Entscheidender ist etwas anderes: Diese 140.000 Menschen werden
Bildung und Ausbildung benötigen, nicht nur in Bezug auf die Sprache,
auch, was die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln unseres
Zusammenlebens angeht; das verlangt nach Schulplätzen, Sprachkursen
und entsprechendem Personal. Die Neuankömmlinge werden Jobs brauchen,
um nicht auf ewig auf Sozialtransfers angewiesen zu sein; um diese
(überwiegend minderqualifizierten) Jobs gibt es bei 400.000
Arbeitslosen schon jetzt einen harten Konkurrenzkampf, der
politischen Sprengstoff in sich birgt. Und die 140.000 brauchen fixen
Wohnraum, Ärzte, Pflege, Raum für kulturelle Entfaltung, auch
Gefängnisplätze und und und - wie alle anderen eben auch.
Alternativen? Gibt es nicht. Wunder können geschehen, aber man sollte
sie nicht fix einplanen. Zumindest nicht, wenn man die Angelegenheit
ehrlich und nüchtern betrachtet.
Wer hat nun Schuld? Niemand, zumindest nicht in Österreich. Das
ändert nichts daran, dass wir die Situation bestmöglich bewältigen
müssen.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






