- 24.06.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Alle sitzen im selben Boot“
Ausgabe vom 25. Juni 2015
Utl.: Ausgabe vom 25. Juni 2015 =
Wien (OTS) - Ungarns Regierungssprecher verwendete am Dienstag die
Metapher "das Boot ist voll", um die Zurückweisung von Flüchtlingen
an der ungarischen Grenzen zu camouflieren. Die Redewendung wird auch
bei uns oft verwendet, von manchen gedankenlos, von anderen
vorsätzlich. Leider, denn der Satz "das Boot ist voll" bedeutet
nichts anderes als Ausschluss und Diskriminierung von "anderen". Zum
ersten Mal verwendet wurde er in den 1930ern von Schweizer
Politikern, die damit die unmenschliche Zurückweisung von Menschen
begründeten, die vor dem Nazi-Terror flohen.
FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache verwendete den Satz heuer am 13.
Juni. Auch ihm ging es darum, die "Flut von Asylwerbern zu stoppen".
Nun ist die Idee, Schutzsuchende auf Bezirksebene zu verteilen,
ausgezeichnet. Denn in vielen Bezirken, in denen Ansässige den Satz
"das Boot ist voll" im Mund führen, gibt es überhaupt keine
Flüchtlinge.
Daneben sollte die Bundesregierung, der abseits parteipolitischer
Scharmützel guter Wille zu unterstellen ist, aber auch die Sprache
sensibilisieren. "Das Boot ist voll" ist ein menschenverachtender
Satz, dessen Verwendung sich jedem verbietet, der eine Erziehung
genossen hat.
Ja, es ist richtig, dass Österreich (trotz Zeltlager) im Vergleich zu
seinen osteuropäischen EU-Partnern ordentlich mit Flüchtlingen
umgeht. Innerhalb dieses Vergleichs kann das Land stolz sein,
gleichzeitig muss Österreich in der EU und der Öffentlichkeit diese
Nachbarn an den Pranger stellen.
"Wir sitzen alle im selben Boot", so sollte der Satz lauten. Das
"Boot" ist im Zeitalter der Globalisierung die Welt - kein Bezirk,
kein Bundesland, kein Staat und schon gar kein Regierungschef in
Budapest mit faschistischen Anwandlungen. Noch nie gab es so viele
Flüchtlinge wie heute, und daran wird sich so bald nichts ändern,
erklären die Experten der UNO.
Der Satz "das Boot ist voll" scheint sich allerdings auch in den
Köpfen der mächtigsten Regierungschefs eingenistet zu haben. Beim
jüngsten G7-Gipfel zu beschließen, Tropenkrankheiten gemeinsam zu
bekämpfen, ist löblich. Aber halt knapp daneben. Wenn die
Globalisierung Konzernen wie Starbucks Milliarden einbringt, doch
Millionen Menschen auf der Flucht sind, ist ein Boot nicht voll,
sondern bloß schlecht gesteuert.
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