- 17.06.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Thomas Seifert: „Franziskus, der Öko-Papst“
Ausgabe vom 18. Juni 2015
Utl.: Ausgabe vom 18. Juni 2015 =
Wien (OTS) - Als Papst Franziskus 2013 die Irrungen des Kapitalismus
kritisierte und die Ideologie des Marktfundamentalismus anprangerte,
wurde er von Rechtskonservativen als "Marxist" verunglimpft. Bald
wird er sich über den spöttischen Titel "Öko-Heiliger" freuen dürfen,
dem ihm seine Kritiker wohl diesmal verleihen werden.
Franziskus stellt heute seine neue Enzyklika "Laudato si, sulla cura
della casa comune" ("Gelobt seist Du - über die Sorge um unser
gemeinsames Haus der Schöpfung") vor, in der er vor den Folgen der
fortschreitenden Umweltzerstörung und den Konsequenzen für die
Ärmsten der Welt warnt. Um den Zustand der Schöpfung besorgte
Katholiken werden mit Genugtuung erfüllt sein: Ihr Papst Franziskus
lenkt den Diskurs in der Kirche weg von oft hermetischen
Glaubensdebatten, wie sie sein Vorgänger Benedikt XVI. geliebt hat,
und hin zu den existenziellen Problemen der Menschheit: der Frage der
sozialen Gerechtigkeit und dem drohenden Kollaps des Weltklimas. Für
die katholische Kirche reklamiert Franziskus damit zentrales Terrain
bei den wichtigsten Debatten der Gegenwart.
Und indem Franziskus mit seiner Enzyklika auch den Klimaforschern
seinen päpstlichen Sanktus gibt, geht er vor dem Ende November in
Paris beginnenden Weltklimagipfel auch einen wichtigen Schritt auf
die Naturwissenschaften zu - das Verhältnis zwischen dem
Kirchen-Establishment und den Wissenschaftseliten war in der
Vergangenheit ja nicht immer ungetrübt.
Mit seinen geplanten Reden vor dem US-Kongress und den Vereinten
Nationen wird der Papst seiner Botschaft auch auf dem politischen
Parkett Nachdruck verleihen.
Franziskus ist freilich kein Wesen mit übernatürlichen Kräften: Vor
dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen wurden Erwartungen geschürt, dass
der frisch gewählte US-Präsident Barack Obama einen Durchbruch in der
Klimafrage erzielen könnte. Diese Hoffnungen haben sich damals nicht
erfüllt. Gut möglich also, dass auch die Botschaft von Papst
Franziskus verhallt.
Dennoch: Die Hinweise mehren sich, dass wir am Anfang vom Ende des
Hydrokarbon-Zeitalters stehen: Solartechnologie wird erschwinglich,
Windenergie ist an guten Standorten mit konventionellen kalorischen
Kraftwerken längst wettbewerbsfähig. Nun ist auch Elektromobilität
reif für den Massenmarkt. Die Intervention des Papstes ist ein
hochwillkommener Ansporn zum Umdenken.
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