• 10.06.2015, 15:55:44
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Wirtschaftsjournalismus: „Wir brauchen Experten mit Mut zu ehrlichen Antworten“

OTSconnect-Diskussion: Steigende Komplexität und breites Interesse erfordern neue Formen der Vermittlung von Wirtschaftsthemen

http://www.apa-fotoservice.at/galerie/6779/
Wirtschaftsjournalistinnen und -journalisten beim
APA-OTSconnect-Branchenfrühstück zum Thema "Wirtschaft(s)komplex –
Neue Anforderungen an Journalismus und Kommunikation“ im
Radiokulturhaus.
Wien (OTS) - 

Wirtschaftsthemen rücken immer näher ins persönliche Umfeld und damit ins Zentrum des allgemeinen Interesses. Steuerreform, Hypo-Debakel, EU-Politik, Bankenkrise, TTIP – zahlreiche Themen weisen ökonomische sowie soziale bzw. ökologische Aspekte auf und sind längst nicht nur auf Wirtschaftsseiten beschränkt. Über die steigende Komplexität, die neue Hochkonjunktur an Wirtschaftsthemen sowie Strategien für deren Bewältigung in Redaktionen und Pressebüros diskutierten führende Wirtschaftsjournalistinnen und -journalisten heute, Mittwochvormittag, im Radiokulturhaus beim OTSconnect-Branchenfrühstück.

Für Christoph Varga, Wirtschaftschef der ZIB im ORF, ist die Wirtschaft im Wettbewerb mit anderen Ressorts der thematische Krisengewinner: „Mehr Wirtschaftsthemen gab es nie. Andererseits können Umfragen zufolge mehr als die Hälfte der Österreicher nicht erklären, was Zinsen sind. Darauf müssen wir uns in der Berichterstattung einstellen.“ Innerhalb der ZIB-Redaktion lege man daher großen Wert auf die Aufbereitung und Verständlichkeit von Themen. „Im Fernsehen kommt das Wort Bruttoinlandsprodukt faktisch nicht mehr vor.“

Wissensdefizite um Wirtschaftsthemen sieht auch Martina Salomon, stv. Chefredakteurin und Wirtschafts-Ressortleiterin der Tageszeitung Kurier: „Wir Journalisten überschätzen das Wissen, das die Menschen haben. Readerscans der ‚Presse‘ machten z.B. deutlich, dass die Ausstiegsstellen aus Texten nahezu immer bei Fremdworten liegen. Auch die meisten Konkurse gründen auf mangelndem wirtschaftlichem Wissen.“ Salomon spielt den Ball der Vermittlung an Schule und Ausbildung weiter.  

„Wirtschaft ist immer und überall“, sagt Esther Mitterstieler, Mitglied der Chefredaktion beim Magazin News. „Alle schreiben über Wirtschaft. Es kommt in Politik, Chronik, Konsumentenschutz uvm. vor.“ Sie plädiert für die Abkehr vom klassischen Ressortdenken hin zu interdisziplinären Storys.  

APA-Wirtschaftsressortleiter Thomas Karabaczek sieht die journalistische Herausforderung in den immer disperseren Zielgruppen und den unterschiedlichen Ansprüchen. „Wir müssen unsere Geschichten heute für schnelle, themenkompetente, an Hintergründen interessierte Leser, aber auch für absolute Finanzexperten aufbereiten. Zudem müssen wir noch aufpassen, dass die Texte nicht auf Twitter verrissen werden.“ 

Um Wirtschaftsthemen an Mann und Frau zu bringen, werden journalistisch durchaus kreative und vielseitige Wege beschritten. In der ZIB werden Zahlen nahezu ausschließlich über Grafiken vermittelt und in Vergleiche gesetzt, Erklärungen werden durch Videos oder Live-Schaltungen gegeben und abstrakte Themen möglichst personalisiert.  Auch der Kurier bringt auf seinen Onlinekanälen komplexe Zusammenhänge in Form von Videobeiträgen oder interaktiven Grafiken. Auf gut komponierte Themenstrecken mit Bildern, Interviews und Kästen setzt die Magazin-Journalistin Mitterstieler, und Agenturjournalist Karabaczek berichtet von Live-Videos der APA zu interessanten Veranstaltungen, die durch Medien einfach und schnell online gestellt werden können.  

Einig war sich die Journalistenrunde in der Forderung an die Wirtschaft und ihre Manager, mehr Mut zu Interviews und zu ehrlichen Antworten an den Tag zu legen. „Journalisten sind keine Hellseher, sondern abhängig davon, was Experten ihnen sagen“, so Varga. Der ZIB-Mann klagt über die mangelnde Bereitschaft von Generaldirektoren und Spitzenmanager, für Interviews zur Verfügung zu stehen und ihre Entscheidungen zu erklären – „Tun sie es nicht selbst, so müssen wir es tun.“ Salomon kritisiert indes die Autorisierungswut mancher Pressesprecher nach Interviews, die den Geschichten ängstlich jede Kante abfeilen würden. Karabaczek, der viele Jahre das APA-Büro in Brüssel geleitet hat, sieht auch kompetente Lobbyisten als gut und wichtig. „Es hilft, dass sie komplexe Themen verständlich und klar aufbereiten. Dass sie eine Position haben, kann man als Journalist schon einordnen. Die Mitte zu finden, das kriegen wir hin.“  

Den Vorwurf, dass die Wirtschaftsberichterstattung männlich sei, wies man einhellig zurück.  Es stimme, dass es weniger Frauen in Spitzenpositionen der Finanzwirtschaft gebe, dennoch versichern die Journalistinnen und Journalisten große Anstrengungen zu unternehmen, die Quote in der Berichterstattung zu erhöhen. Dass sich die  Frauen selbst häufig weigern, ihre Expertise abzugeben, sei schade.  

Einen praktischen Tipp gaben die Wirtschaftsjournalisten den Pressefachleuten noch mit auf den Weg: „Bitte setzen Sie nicht alle Pressekonferenzen am Donnerstagvormittag an.“ 

Fotos zur Veranstaltung sind unter:
http://www.apa-fotoservice.at/galerie/6779/ abrufbar.

Die gesamte Diskussion als Audiofile

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