• 28.05.2015, 19:30:16
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Walter Hämmerle: „Hut ab vor dem Cowboy“

Ausgabe vom 29. Mai 2015

Utl.: Ausgabe vom 29. Mai 2015 =

Wien (OTS) - Imperialismus! Wladimir Putin liegt richtig. Tatsächlich
ist der juristische Frontalangriff auf das korrupte System im
Weltfußball "ein offenkundiger Versuch der USA, ihr Rechtssystem auf
andere Staaten auszuweiten", wie Russlands Präsident am Donnerstag
treffend feststellte. Als jemand, dessen Regime penibel darauf
achtet, dass die eigene Justiz perfekt auf Zuruf funktioniert, ist
Putins Empörung verständlich.

Mit seiner Kampfansage begibt sich Washington auf juristisch dünnes
Eis. Die US-Justiz schert sich in einigen Bereichen nicht um die
Grenzen nationaler Rechtsprechung - Stichwort Territorialprinzip. Das
gilt für den Kampf gegen den Terrorismus ebenso wie für die
Verfolgung von Wirtschaftsverbrechen (etwa Währungsmanipulationen
oder die Verletzung geistiger Eigentumsrechte) und eben auch, wenn es
um globale Korruption geht. Dass die Verfahren tatsächlich vor
Gericht landen und zu Verurteilungen führen, ist längst nicht gewiss.

Im Fall der Fifa beruft sich die US-Justiz auf einen
Anti-Mafia-Paragrafen; für Washington steht der Weltfußballverband
auf einer Stufe mit den ehrenwerten Familien des organisierten
Verbrechens. All die gemeinsamen Auftritte höchster Würdenträger mit
den Fifa-Bossen bei den Eröffnungen von Welt- und
Europameisterschaften gewinnen da eine neue Dimension.

Wir Europäer halten uns einiges zugute, wenn es um einen
funktionierenden Rechtsstaat geht. Das hat uns nicht davon
abgehalten, über Jahrzehnte die Augen vor ehrenwerten Einrichtungen
organisierter Kriminalität zu verschließen - im Sport genauso wie in
der Finanzwelt. Aber - leider, leider - konnte man nie etwas
unternehmen. Es fehlte an den richtigen Paragrafen, Entschlossenheit
und wohl auch am Mut.

Den USA sind solche formalistischen Bedenken fremd. Wenn die
Supermacht ein Problem als solches identifiziert, sorgt sie auch für
die notwendigen Mittel, Abhilfe zu schaffen. Die USA können es, also
tun sie es auch. Das ist oft genug problematisch. Cowboy-Mentalität
nennt man es deshalb in der alten Welt und meint es öfter abwertend
als bewundernd.

Jetzt bejubeln alle, Politiker wie Kommentatoren, die Kampfansage der
US-Justiz gegen die Fifa. Über dieser Erleichterung sollte nicht in
Vergessenheit geraten, dass Europa über Jahrzehnte hinweg lediglich
kritisiert, nie aber gehandelt hat. Es brauchte einen Cowboy.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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