• 22.05.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Euro-Vision“

Ausgabe vom 23. Mai 2015

Utl.: Ausgabe vom 23. Mai 2015 =

Wien (OTS) - Beim Song Contest und bei Sport-Europameisterschaften
zeigt sich eine europäische Identität, die im Brüsseler Alltag leider
unauffindbar ist. Im EU-Parlament gibt es noch so etwas wie ein
"europäisches Gefühl", doch das ist halt nicht so massentauglich.

Während in Wien also gerade ein europäisches Fest gefeiert wurde,
taten sich die EU-Regierungschefs in Riga deutlich härter, etwas zur
Stimmungsverbesserung beizutragen. Es ging um die "Ost-Partnerschaft"
der EU. Die bevorstehende Pleite der Ukraine und wie Europa damit
umgehen soll, war offensichtlich kein großes Thema. Der britische
Premier David Cameron spielte eine größere Rolle, auch wenn sein Land
als "Ost-Partner" nicht wirklich durchgeht. Und
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker scherzte, immerhin.

Dabei hat Cameron in einem recht: Die EU braucht eine Reform. Nicht
unbedingt seine Vorstellung davon, sondern eine Euro-Vision à la Song
Contest. In Tiflis ist der Europa-Gedanke stärker zu spüren als in
London. Tiflis hat eine Vision, London nur einen Finanzmarkt.

Vision und Hoffnung sind in Kultur und Sport essenziell. Daher
spielen darin Grenzen keine Rolle mehr. In der Politik - sprich: in
politischen Hirnen - sehr wohl. 28 Regierungschefs bilden keinen
wirklichen Europäischen Rat, sondern trachten bloß nach Machterhalt.
Manche - wie Cameron oder Ungarns Regierungschef Viktor Orban - sind
gar blanke Nationalisten.

Eine EU-Reform sollte also - wenn der Geist des #ESC2015
durchdringend sein soll - den Rat entmachten. Am besten mit Polemik.
Im jetzigen Zustand dieses Rates wäre es unmöglich, so etwas wie das
Erasmus-Programm für Studenten zu beschließen, das ein besonders
sympathisches Beispiel europäischer Integration ist. Und heimischen
Pensionisten, die den Winter auf Mallorca verbringen, aber FPÖ
wählen, ist wohl unklar, dass ohne EU ihre freie und
Währungsrisiko-befreite Reisetätigkeit unmöglich wäre.

Es sind Kulturschaffende und Sportler, die Botschafter eines geeinten
Europas sind. Und jene Europa-Abgeordneten, die den Rat,
Kommissionsjuristen und all deren kuriose Beschlüsse grundsätzlich
bekämpfen.

Europa ist ein politisches Konzept, und wie im nationalen Bereich ist
die Zivilgesellschaft den Berufspolitikern weit voraus. Zeit, dass
sie sich organisiert - wie im Eurovision Song Contest.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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