Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Euro-Vision“

Ausgabe vom 23. Mai 2015

Wien (OTS) - Beim Song Contest und bei Sport-Europameisterschaften zeigt sich eine europäische Identität, die im Brüsseler Alltag leider unauffindbar ist. Im EU-Parlament gibt es noch so etwas wie ein "europäisches Gefühl", doch das ist halt nicht so massentauglich.

Während in Wien also gerade ein europäisches Fest gefeiert wurde, taten sich die EU-Regierungschefs in Riga deutlich härter, etwas zur Stimmungsverbesserung beizutragen. Es ging um die "Ost-Partnerschaft" der EU. Die bevorstehende Pleite der Ukraine und wie Europa damit umgehen soll, war offensichtlich kein großes Thema. Der britische Premier David Cameron spielte eine größere Rolle, auch wenn sein Land als "Ost-Partner" nicht wirklich durchgeht. Und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker scherzte, immerhin.

Dabei hat Cameron in einem recht: Die EU braucht eine Reform. Nicht unbedingt seine Vorstellung davon, sondern eine Euro-Vision à la Song Contest. In Tiflis ist der Europa-Gedanke stärker zu spüren als in London. Tiflis hat eine Vision, London nur einen Finanzmarkt.

Vision und Hoffnung sind in Kultur und Sport essenziell. Daher spielen darin Grenzen keine Rolle mehr. In der Politik - sprich: in politischen Hirnen - sehr wohl. 28 Regierungschefs bilden keinen wirklichen Europäischen Rat, sondern trachten bloß nach Machterhalt. Manche - wie Cameron oder Ungarns Regierungschef Viktor Orban - sind gar blanke Nationalisten.

Eine EU-Reform sollte also - wenn der Geist des #ESC2015 durchdringend sein soll - den Rat entmachten. Am besten mit Polemik. Im jetzigen Zustand dieses Rates wäre es unmöglich, so etwas wie das Erasmus-Programm für Studenten zu beschließen, das ein besonders sympathisches Beispiel europäischer Integration ist. Und heimischen Pensionisten, die den Winter auf Mallorca verbringen, aber FPÖ wählen, ist wohl unklar, dass ohne EU ihre freie und Währungsrisiko-befreite Reisetätigkeit unmöglich wäre.

Es sind Kulturschaffende und Sportler, die Botschafter eines geeinten Europas sind. Und jene Europa-Abgeordneten, die den Rat, Kommissionsjuristen und all deren kuriose Beschlüsse grundsätzlich bekämpfen.

Europa ist ein politisches Konzept, und wie im nationalen Bereich ist die Zivilgesellschaft den Berufspolitikern weit voraus. Zeit, dass sie sich organisiert - wie im Eurovision Song Contest.

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