- 20.05.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Jung gegen Alt?“
Ausgabe vom 21. Mai 2015
Utl.: Ausgabe vom 21. Mai 2015 =
Wien (OTS) - Pensionen sind politisch immer ein heißes Eisen. Erstens
entscheiden Pensionisten mittlerweile Wahlen, zweitens öffnet die
Langfristigkeit der Finanzierungsberechnung der Fantasie Tür und Tor.
In Österreich etwa bewegt sich die aktuelle Debatte auf Basis einer
Berechnung, die ins Jahr 2060 reicht. Das hat seine grundsätzliche
Richtigkeit, bietet aber - je nach politischer Überzeugung - viel
Raum für Interpretationen.
Nun hat die Regierung in Krems beschlossen, am 29. Februar 2016
(Schaltjahr!) das Ergebnis des sogenannten Pensionsmonitorings
vorzulegen. Es geht um die Anhebung des Pensionsalters. Das sei zu
spät, meinte kürzlich Außenminister Sebastian Kurz.
Was ist nun dran an dem Satz, die Pensionen würden unfinanzierbar,
weil der Bundeszuschuss 2060 von jetzt knapp 10 Milliarden auf knapp
37 Milliarden Euro steigen wird?
Ehrlicherweise müssten alle Experten sagen: keine Ahnung. Der
Berechnung liegt eine Schätzung zugrunde, wie sich die
Wirtschaftsleistung bis dahin entwickeln dürfte. Das ist - vorsichtig
ausgedrückt - ein kühnes Unterfangen. Es gibt auch eine Schätzung für
das faktische Pensionsantrittsalter 2060. Das ist relativ niedrig
angesetzt und ähnlich kühn. (Das gerne als Vorbild eingesetzte
schwedische Modell wurde alleine seit 2003 zwölfmal verändert.)
In der weltanschaulichen Debatte geht es um die Frage, ob die
Pensionen - wie bisher - über ein solidarisches, öffentliches System
finanziert werden oder eine Hinwendung zur privaten Vorsorge
(Kapitalverfahren) stattfindet. Die private Vorsorge hat durch das a)
verunglückte Zukunftsvorsorgemodell Karl-Heinz Grassers und b) die
folgende Finanzkrise einen herben Dämpfer erlitten. Selbst
hartgesottene Marktwirtschafter schauten erschüttert auf Depotauszüge
der Versicherungen. Und was passiert mit jenen, die sich das nicht
leisten können?
Zudem schwelt die Debatte Alt gegen Jung: Gut abgesicherte
"Baby-Boomer" richten es sich, die heute 20- bis 30-Jährigen schauen
durch die Finger. Das stimmt zum Teil, weil es in der älteren
Generation enorme Unterschiede zwischen Beamten und ASVG-Pensionisten
gibt.
Eine Versachlichung der Pensionsdebatte ist daher praktisch
unmöglich. Regierung und Parlament könnten aber mit weniger
polemischen Beiträgen der Debatte den Angst- und Neidcharakter
nehmen. Das würde schon helfen.
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