„Menschen & Mächte“-Doku „Besatzungskinder“ am 1. Mai im ORF

Im Rahmen des Programmschwerpunkts „Österreich ist frei!“

Wien (OTS) - Unter "Besatzungskinder" versteht man meist jene Kinder, die nach Kriegsende geboren wurden und aus Beziehungen zwischen Österreicherinnen und Vertretern der alliierten Armeen stammen. Für seine gleichnamige "Menschen & Mächte"-Dokumentation, die ORF 2 im Rahmen des Programmschwerpunkts "Österreich ist frei!" (Details unter http://presse.ORF.at) am Freitag, dem 1. Mai 2015, um 21.20 Uhr zeigt, erweitert Gestalter Robert Gokl jedoch seine Betrachtungen auf die Zeit der Kriegsjahre und stellt den Begriff in einen bedeutend breiteren historischen Kontext. Gokl hat sich auch auf die Suche nach Kindern gemacht, die von österreichischen Wehrmachtssoldaten in den ehemals eroberten und besetzten Gebieten gezeugt wurden. Damit gibt er diesem noch wenig erforschten zeitgeschichtlichen Thema eine gesamteuropäische Dimension. So ist Gokl zum Beispiel nach Dänemark gereist, das während Hitlers "Blitzkriegen" Anfang April 1940 in kürzester Zeit erobert wurde. "Meine Mutter war in einen österreichischen Wehrmachtssoldaten verliebt!", erzählt Franzi Larsen, die auf der dänischen Insel Fünen lebt. Ihre Geburt ist Ergebnis einer kurzen Liebesbeziehung. Das gilt auch für Zehntausende andere Kinder in ganz Europa.

Wo die Liebe hinfällt, auch wenn sie nur eine "Amour fou" bleiben sollte: Rassenschranken oder strenge Fraternisierungsverbote haben sie selten aufgehalten, auch nicht im annektierten Österreich. Die Zahl der Frauen, die während der Kriegsjahre Kinder von gefangenen Feinden und danach von Besatzungssoldaten auf die Welt gebracht haben, geht in die Zehntausende. Nikolaus Presniks Vater kam während des Krieges als Kosaken-Offizier nach Kärnten. Jahrzehnte später verarbeitete der Sohn als erfolgreicher Komponist und Sänger Nik P. das Schicksal seines Vaters in einem Lied. Ohne den Zweiten Weltkrieg hätten sich seine Eltern nie kennengelernt. Doch ebenso schnell wie Beziehungen beginnen werden sie vom Krieg oft auch wieder zerrissen.

"Menschen & Mächte" erzählt vom Verlieben, vom Trennen, von sexueller Gewalt, aber auch vom Zusammenbleiben. Geschichten zwischen Ausgrenzung, Verdrängung und der meist langen Suche der Kinder nach verschwundenen Vätern. Sie wurden vielfach "Kinder der Schande" genannt, "Kinder der Feindes", "Kinder des Krieges"; ihre Mütter "Feldmatratzen", "Chocolate Girls", "Russen-Huren". Ihre Väter waren feindliche Soldaten, Eroberer oder Besatzer, aber auch Vergewaltiger. Roman Pulpitel erfuhr von seiner Großmutter, dass seine Mutter und auch deren Schwester von zwei Rotarmisten vergewaltigt worden waren. Das geschah vor den Augen der Eltern. Beide Schwestern wurden schwanger, bei Roman Pulpitel misslang die Abtreibung: "Ich war ein sturer Kerl, schon damals!", sagt er.

Die Frauen des Gegners zu vergewaltigen, sie als würdelose Beute zu betrachten war für viele Soldaten traurige Selbstverständlichkeit. Viele sahen diese Gewaltakte als zusätzliche Demütigung des Feindes an. Vor allem an der Ostfront kam es millionenfach zu Vergewaltigungen durch Wehrmachtssoldaten, darunter auch viele Österreicher. Beim Vormarsch der Roten Armee wurde dann jede zehnte Frau in Ostösterreich durch Rotarmisten vergewaltigt.

In den eroberten Gebieten kam es auch immer wieder zu sexuellen Beziehungen zwischen Einheimischen und Besatzungssoldaten - das ging von Überlebens-Prostitution bis hin zu Liebesaffären. Allein die Zahl der "Wehrmachts-Kinder" zwischen Norwegen und Griechenland, Russland und Frankreich wird auf ein bis zwei Millionen geschätzt. "Mon père est un soldat autrichien! - Mein Vater ist ein österreichischer Soldat!", erzählt Hervé Rigats. Die deutsche Führung - vor allem SS-Chef Heinrich Himmler - dachte daran, diese Kinder "deutschen Blutes" zu kriegstüchtigen Jungsoldaten zu erziehen, um sie als Ersatz für die immer größere Zahl deutscher Gefallener zu verwenden. Der Krieg war dafür jedoch zu kurz. Vor allem in Norwegen wurden zwecks Verwirklichung dieses Zieles viele Besatzungskinder in sogenannte Lebensborn-Heime gebracht.

Miroslav Grimms Vater lernte die kroatische Mutter als Gefangener der Partisanenarmee Titos kennen. Er heiratete sie und blieb auch nach seiner Freilassung noch jahrelang in Jugoslawien. Zu den Wehrmachts-Kindern kommen jene der Angehörigen besiegter Armeen hinzu. Sie stammen von Kriegsgefangenen, die vor 1945 zur Zwangsarbeit ins Dritte Reich verschleppt wurden. So wie im Fall von Marlies Sabitzers Vater, einem französischen Gefangenen in Wolfsberg.

Während der Besatzungsjahre, zwischen 1945 und 1955, wurden in Österreich geschätzte 20.000 Kinder aus Beziehungen mit alliierten Soldaten geboren. Der Vater von Herbert Pils war Russe, stationiert in Niederösterreich, Helmut Köglbergers Vater, ein afroamerikanischer Soldat, diente in Oberösterreich. Fast alle diese Kinder wuchsen ohne ihren leiblichen Vater auf, nicht selten aber auch ohne Mutter: Als "Kinder der Schande" wurden viele in Heime verfrachtet oder zur Adoption freigegeben. In der Schule mussten sie dann Beschimpfungen wie "Russen-Bankert" oder "Neger-Balg" über sich ergehen lassen. Die Kinder der österreichischen Wehrmachtssoldaten nannte man zum Beispiel in Frankreich "Fils des Boche" oder "Bâtards de Boche". Oft erst nach Jahrzehnten des Schweigens und der Scham begannen sie nach ihrem Vater oder der Mutter zu suchen. Viele wussten nicht einmal die Namen, manche hatten zumindest ein Foto als Erinnerung. Es sind "Kinder des Krieges", die noch heute auf der Suche nach ihrer Identität sind, einer Identität, die tief im dunkelsten Kapitel europäischer Geschichte wurzelt.

Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream auf der ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten.

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