• 29.04.2015, 11:03:25
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„Menschen & Mächte“-Doku „Besatzungskinder“ am 1. Mai im ORF

Im Rahmen des Programmschwerpunkts „Österreich ist frei!“

Utl.:
Im Rahmen des Programmschwerpunkts „Österreich ist frei!“ =

Wien (OTS) - Unter "Besatzungskinder" versteht man meist jene Kinder,
die nach Kriegsende geboren wurden und aus Beziehungen zwischen
Österreicherinnen und Vertretern der alliierten Armeen stammen. Für
seine gleichnamige "Menschen & Mächte"-Dokumentation, die ORF 2 im
Rahmen des Programmschwerpunkts "Österreich ist frei!" (Details unter
http://presse.ORF.at) am Freitag, dem 1. Mai 2015, um 21.20 Uhr
zeigt, erweitert Gestalter Robert Gokl jedoch seine Betrachtungen auf
die Zeit der Kriegsjahre und stellt den Begriff in einen bedeutend
breiteren historischen Kontext. Gokl hat sich auch auf die Suche nach
Kindern gemacht, die von österreichischen Wehrmachtssoldaten in den
ehemals eroberten und besetzten Gebieten gezeugt wurden. Damit gibt
er diesem noch wenig erforschten zeitgeschichtlichen Thema eine
gesamteuropäische Dimension. So ist Gokl zum Beispiel nach Dänemark
gereist, das während Hitlers "Blitzkriegen" Anfang April 1940 in
kürzester Zeit erobert wurde. "Meine Mutter war in einen
österreichischen Wehrmachtssoldaten verliebt!", erzählt Franzi
Larsen, die auf der dänischen Insel Fünen lebt. Ihre Geburt ist
Ergebnis einer kurzen Liebesbeziehung. Das gilt auch für Zehntausende
andere Kinder in ganz Europa.

Wo die Liebe hinfällt, auch wenn sie nur eine "Amour fou" bleiben
sollte: Rassenschranken oder strenge Fraternisierungsverbote haben
sie selten aufgehalten, auch nicht im annektierten Österreich. Die
Zahl der Frauen, die während der Kriegsjahre Kinder von gefangenen
Feinden und danach von Besatzungssoldaten auf die Welt gebracht
haben, geht in die Zehntausende. Nikolaus Presniks Vater kam während
des Krieges als Kosaken-Offizier nach Kärnten. Jahrzehnte später
verarbeitete der Sohn als erfolgreicher Komponist und Sänger Nik P.
das Schicksal seines Vaters in einem Lied. Ohne den Zweiten Weltkrieg
hätten sich seine Eltern nie kennengelernt. Doch ebenso schnell wie
Beziehungen beginnen werden sie vom Krieg oft auch wieder zerrissen.

"Menschen & Mächte" erzählt vom Verlieben, vom Trennen, von sexueller
Gewalt, aber auch vom Zusammenbleiben. Geschichten zwischen
Ausgrenzung, Verdrängung und der meist langen Suche der Kinder nach
verschwundenen Vätern. Sie wurden vielfach "Kinder der Schande"
genannt, "Kinder der Feindes", "Kinder des Krieges"; ihre Mütter
"Feldmatratzen", "Chocolate Girls", "Russen-Huren". Ihre Väter waren
feindliche Soldaten, Eroberer oder Besatzer, aber auch Vergewaltiger.
Roman Pulpitel erfuhr von seiner Großmutter, dass seine Mutter und
auch deren Schwester von zwei Rotarmisten vergewaltigt worden waren.
Das geschah vor den Augen der Eltern. Beide Schwestern wurden
schwanger, bei Roman Pulpitel misslang die Abtreibung: "Ich war ein
sturer Kerl, schon damals!", sagt er.

Die Frauen des Gegners zu vergewaltigen, sie als würdelose Beute zu
betrachten war für viele Soldaten traurige Selbstverständlichkeit.
Viele sahen diese Gewaltakte als zusätzliche Demütigung des Feindes
an. Vor allem an der Ostfront kam es millionenfach zu
Vergewaltigungen durch Wehrmachtssoldaten, darunter auch viele
Österreicher. Beim Vormarsch der Roten Armee wurde dann jede zehnte
Frau in Ostösterreich durch Rotarmisten vergewaltigt.

In den eroberten Gebieten kam es auch immer wieder zu sexuellen
Beziehungen zwischen Einheimischen und Besatzungssoldaten - das ging
von Überlebens-Prostitution bis hin zu Liebesaffären. Allein die Zahl
der "Wehrmachts-Kinder" zwischen Norwegen und Griechenland, Russland
und Frankreich wird auf ein bis zwei Millionen geschätzt. "Mon père
est un soldat autrichien! - Mein Vater ist ein österreichischer
Soldat!", erzählt Hervé Rigats. Die deutsche Führung - vor allem
SS-Chef Heinrich Himmler - dachte daran, diese Kinder "deutschen
Blutes" zu kriegstüchtigen Jungsoldaten zu erziehen, um sie als
Ersatz für die immer größere Zahl deutscher Gefallener zu verwenden.
Der Krieg war dafür jedoch zu kurz. Vor allem in Norwegen wurden
zwecks Verwirklichung dieses Zieles viele Besatzungskinder in
sogenannte Lebensborn-Heime gebracht.

Miroslav Grimms Vater lernte die kroatische Mutter als Gefangener der
Partisanenarmee Titos kennen. Er heiratete sie und blieb auch nach
seiner Freilassung noch jahrelang in Jugoslawien. Zu den
Wehrmachts-Kindern kommen jene der Angehörigen besiegter Armeen
hinzu. Sie stammen von Kriegsgefangenen, die vor 1945 zur
Zwangsarbeit ins Dritte Reich verschleppt wurden. So wie im Fall von
Marlies Sabitzers Vater, einem französischen Gefangenen in Wolfsberg.

Während der Besatzungsjahre, zwischen 1945 und 1955, wurden in
Österreich geschätzte 20.000 Kinder aus Beziehungen mit alliierten
Soldaten geboren. Der Vater von Herbert Pils war Russe, stationiert
in Niederösterreich, Helmut Köglbergers Vater, ein afroamerikanischer
Soldat, diente in Oberösterreich. Fast alle diese Kinder wuchsen ohne
ihren leiblichen Vater auf, nicht selten aber auch ohne Mutter: Als
"Kinder der Schande" wurden viele in Heime verfrachtet oder zur
Adoption freigegeben. In der Schule mussten sie dann Beschimpfungen
wie "Russen-Bankert" oder "Neger-Balg" über sich ergehen lassen. Die
Kinder der österreichischen Wehrmachtssoldaten nannte man zum
Beispiel in Frankreich "Fils des Boche" oder "Bâtards de Boche". Oft
erst nach Jahrzehnten des Schweigens und der Scham begannen sie nach
ihrem Vater oder der Mutter zu suchen. Viele wussten nicht einmal die
Namen, manche hatten zumindest ein Foto als Erinnerung. Es sind
"Kinder des Krieges", die noch heute auf der Suche nach ihrer
Identität sind, einer Identität, die tief im dunkelsten Kapitel
europäischer Geschichte wurzelt.

Die Sendung ist nach der TV-Ausstrahlung sieben Tage als
Video-on-Demand abrufbar und wird auch als Live-Stream auf der
ORF-TVthek (http://TVthek.ORF.at) angeboten.

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