Wiener Zeitung – Leitartikel von Thomas Seifert: „Brennende Hoffnung“

Ausgabe vom 29. April 2015

Wien (OTS) - Auf den Postern, Stickern und Buttons eines gewissen Barack Obama stand damals, als er 2008 für das Amt des US-Präsidenten kandidierte, nur ein Wort: Hope. Hoffnung.

Nach den düsteren Jahren der Präsidentschaft von George W. Bush, mit all den Kriegen und Krisen, Börsenkrach und Beinahe-Weltwirtschaftskernschmelze, Lauschangriffen und Guantánamo, und mit einer zynischen, kalten Administration im West Wing des Weißen Hauses und im Pentagon musste Obama wie ein heiß ersehnter Messias erscheinen. Er hat auch einiges geschafft: die Kehrtwende in Afghanistan und Irak, ein Ende der illegalen Entführungen von mutmaßlichen Terroristen, Obamacare und, wer weiß, vielleicht sogar ein Atomabkommen mit dem Iran.

Doch auch wenn der derzeitige US-Präsident nie wollte, dass die Tatsache, dass er dunkle Hautfarbe hat, seine Präsidentschaft definiert - er wird als erster schwarzer Präsident der USA in die Geschichtsbücher eingehen. Das war und ist auch Teil seiner Botschaft der frohen Hoffnung - zumindest für jene, die von einem bunteren, gerechteren Amerika träumten. Und für jene, die wollen, dass sich die Nachfahren jener, die einst als Sklaven von der Westküste Afrikas nach Amerika verschleppt wurden, endlich als gleichberechtigte Bürger der USA fühlen dürfen.

Obama sprach von einer "Dummheit" der Polizei, als die Beamten einen afroamerikanischen Harvard-Professor verhafteten, als dieser in sein eigenes Haus wollte. Und als 2012 ein unbewaffneter Teenager namens Trayvon Martin in Florida erschossen wurde, sagte Obama: "Wenn ich einen Sohn hätte, dann würde er aussehen wie Trayvon." Vor weniger als einem Monat erinnerte er in Selma, Alabama, an die Bürgerrechtsmärsche vor 50 Jahren und zitierte dort Martin Luther King mit den Worten, es sei ein weitverbreiteter Irrtum, dass der Rassismus in den USA besiegt sei. "Unser Marsch ist noch nicht zu Ende. Aber wir kommen dem Ziel näher", sagte er damals.

Es ist kein Zufall, dass all die Polizeiübergriffe und Ungerechtigkeiten gegen Schwarze nun breit debattiert werden. Obama hat den Raum für derartige Debatten geöffnet. In Baltimore brennen die Häuser, nachdem ein Schwarzer in Polizei-Obhut an einer Wirbelsäulenverletzung gestorben ist. Und in vielen Herzen brennt die Hoffnung, dass für Afroamerikaner nach einer Präsidentschaft Obama nie wieder etwas sein wird wie davor.

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