• 24.04.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Im Jahr 2085“

Ausgabe vom 25. April 2015

Utl.: Ausgabe vom 25. April 2015 =

Wien (OTS) - Vor 70 Jahren unterzeichneten Karl Renner und Adolf
Schärf für die SPÖ, Leopold Kunschak für die ÖVP und Johann Koplenig
für die KPÖ die Unabhängigkeitserklärung Österreichs - es war die
Geburtsstunde der Zweiten Republik. Seit dem 27. April 1945 entstand
- gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf - das elftreichste
Land der Welt. Eine Erfolgsstory, wie es Bundespräsident Heinz
Fischer im "Wiener Zeitung"-Interview ausdrückt. Doch er sagt auch:
Es gibt keinen Automatismus des Erfolgs.

Wie wird Österreich also in 70 Jahren dastehen, im Jahr 2085?
(Abgesehen davon, dass es dann in Europa hoffentlich keine
Nationalstaaten im heutigen Sinn mehr geben wird.) Jene Region, die
sich heute Österreich nennt, müsste im Jahr 2085 mit
Forschungszentren und Universitäten übersät sein. Chinesische
Politiker besuchen Wien, um sich anzuschauen, wie eine "Smart City"
funktionieren kann, ohne dem Individuum Freiheit zu nehmen. Die
Kreativität der Menschen dieser Region wird überall auf der Welt
geschätzt, ihre gelegentliche Schlitzohrigkeit gilt als charmant,
weil lösungsorientiert.

Der Zusatz "anything goes" wurde auf Betreiben Österreichs in die
europäische Verfassung aufgenommen. Hohe soziale Sicherheit und
individuelle Freiheit gelten nicht als Gegensätze, sondern bedingen
einander. Was vor 70 Jahren "Sozialpartnerschaft" genannt wurde, ist
zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden. Die
Verwaltung hat den Servicegedanken der Tourismus-Wirtschaft
übernommen, beides ist seit 1945 von hoher Bedeutung. Wenn eine
Schule mit einer guten Idee daherkommt, bekommt sie zusätzliche
Unterstützung, Fehler sind erlaubt. Der materielle Wohlstand führt
nicht zu Fremdenfeindlichkeit, sondern zu Hilfsbereitschaft.
(Österreichische Weine haben den französischen den Rang abgelaufen.)

Utopie ist etwas Schönes - diesen Leitspruch haben 2085 alle
existierenden politischen Parteien im Programm. Ganz so, wie es wohl
1945 gewesen ist, als vier Männer eine Unabhängigkeitserklärung
aufsetzten, um einen Staat wiederentstehen zu lassen, den bis 1938
viele als "nicht lebensfähig" bezeichnet hatten. Plötzlich ging
etwas. Plötzlich war das, was in der Ersten Republik als "der Rest
ist Österreich" bezeichnet wurde, so stark, um zu den reichsten
Ländern der Welt aufzusteigen. "Anything goes" sollte das Motto der
nächsten 70 Jahre sein.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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