Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Im Jahr 2085“

Ausgabe vom 25. April 2015

Wien (OTS) - Vor 70 Jahren unterzeichneten Karl Renner und Adolf Schärf für die SPÖ, Leopold Kunschak für die ÖVP und Johann Koplenig für die KPÖ die Unabhängigkeitserklärung Österreichs - es war die Geburtsstunde der Zweiten Republik. Seit dem 27. April 1945 entstand - gemessen an der Wirtschaftsleistung pro Kopf - das elftreichste Land der Welt. Eine Erfolgsstory, wie es Bundespräsident Heinz Fischer im "Wiener Zeitung"-Interview ausdrückt. Doch er sagt auch:
Es gibt keinen Automatismus des Erfolgs.

Wie wird Österreich also in 70 Jahren dastehen, im Jahr 2085? (Abgesehen davon, dass es dann in Europa hoffentlich keine Nationalstaaten im heutigen Sinn mehr geben wird.) Jene Region, die sich heute Österreich nennt, müsste im Jahr 2085 mit Forschungszentren und Universitäten übersät sein. Chinesische Politiker besuchen Wien, um sich anzuschauen, wie eine "Smart City" funktionieren kann, ohne dem Individuum Freiheit zu nehmen. Die Kreativität der Menschen dieser Region wird überall auf der Welt geschätzt, ihre gelegentliche Schlitzohrigkeit gilt als charmant, weil lösungsorientiert.

Der Zusatz "anything goes" wurde auf Betreiben Österreichs in die europäische Verfassung aufgenommen. Hohe soziale Sicherheit und individuelle Freiheit gelten nicht als Gegensätze, sondern bedingen einander. Was vor 70 Jahren "Sozialpartnerschaft" genannt wurde, ist zur gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden. Die Verwaltung hat den Servicegedanken der Tourismus-Wirtschaft übernommen, beides ist seit 1945 von hoher Bedeutung. Wenn eine Schule mit einer guten Idee daherkommt, bekommt sie zusätzliche Unterstützung, Fehler sind erlaubt. Der materielle Wohlstand führt nicht zu Fremdenfeindlichkeit, sondern zu Hilfsbereitschaft. (Österreichische Weine haben den französischen den Rang abgelaufen.)

Utopie ist etwas Schönes - diesen Leitspruch haben 2085 alle existierenden politischen Parteien im Programm. Ganz so, wie es wohl 1945 gewesen ist, als vier Männer eine Unabhängigkeitserklärung aufsetzten, um einen Staat wiederentstehen zu lassen, den bis 1938 viele als "nicht lebensfähig" bezeichnet hatten. Plötzlich ging etwas. Plötzlich war das, was in der Ersten Republik als "der Rest ist Österreich" bezeichnet wurde, so stark, um zu den reichsten Ländern der Welt aufzusteigen. "Anything goes" sollte das Motto der nächsten 70 Jahre sein.

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