• 23.04.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Thomas Seifert: „Ankaras Schande“

Ausgabe vom 24. April 2015

Utl.: Ausgabe vom 24. April 2015 =

Wien (OTS) - Eine Gelegenheit, alle gegen sich aufzubringen, sollte
sich ein Leitartikler keinesfalls entgehen lassen. Fangen wir mit der
Türkei an: Die Weigerung des türkischen Präsidenten Recep Tayyip
Erdogan, den Genozid an den Armeniern im Jahr 1915 beim Namen zu
nennen, ist schlicht eine Schande für den Nachfolgestaat des
Osmanischen Reiches. Erdogan sprach vor einem Jahr von den
Ereignissen im Ersten Weltkrieg "als geteiltem Schmerz" zwischen
Christen und Muslimen, so als gebe es keinen Unterschied zwischen im
Krieg gefallenen osmanischen Soldaten und brutal hingemetzelten
armenischen Zivilisten.

Weiter geht es mit Österreich: Auch diese Republik hatte es sich viel
zu lange im Opfermythos bequem eingerichtet - schließlich sei
Österreich ja das erste Land gewesen, das Adolf Hitlers
Expansionsdrang zum Opfer gefallen sei, hieß es jahrzehntelang. Die
wahren Opfer mussten bis zum 9. Juni 1993 auf die richtigen Worte
warten. Erst an diesem Datum bat Bundeskanzler Franz Vranitzky
anlässlich seiner Israel-Reise in einer Rede an der Hebräischen
Universität Jerusalem im Namen der Republik Österreich die Opfer um
Verzeihung. Japans nationalistischer Premier Shinzo Abe hingegen
findet bis heute keine glaubwürdigen Worte des Bedauerns für das, was
die Soldaten des Tenno in Korea und China in den 1930ern und später
im Zweiten Weltkrieg anrichteten. Was wird er wohl am 15. August, dem
70. Jahrestag der Kapitulation Japans sagen? Man wird sehen. Unter
der Führung von Wladimir Putin ist Russland immer weiter davon
abgerückt, die Verbrechen Josef Stalins beim Namen zu nennen, genauso
wie die chinesische Führung bis heute darauf beharrt, dass Mao
Tsetung zu 70 Prozent gut und nur zu 30 Prozent schlecht für das Land
war. Polen und die Ukraine waren zwar Opfer Nazideutschlands, an
antisemitischen Pogromen auf dem Boden dieser beiden Länder waren
aber Bürger dieser Länder beteiligt oder zumindest mitbeteiligt. Ist
Geschichtsblindheit denn epidemisch?

Es scheint so. Aber all das macht Erdogans Versagen, die richtigen
Worte zu finden, nicht entschuldbarer. Ankaras trotzige Ablehnung,
sich der Verantwortung historischer Schuld zu stellen, ist nämlich
das wohl krasseste Beispiel der Realitätsverweigerung in dieser
Liste. Aber die Türkei wird lernen: Wer die Vergangenheit nicht
bewältigt, kann die Zukunft nicht meistern.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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