• 21.04.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: "'Grexit' als Kinderspiel"

Ausgabe vom 22. April 2015

Utl.: Ausgabe vom 22. April 2015 =

Wien (OTS) - Es ist keine Schande, zuzugeben, in der Causa
Griechenland den Überblick verloren zu haben. Kurz eine Auflistung
der Aussagen der vergangenen Tage: Das Land kann seine Schulden nicht
mehr bezahlen; im Moment aber schon. Die griechischen Banken sind
pleite; nein, die griechischen Banken sind nicht pleite. Ein "Grexit"
wäre für die Eurozone kein Beinbruch; ein "Grexit" würde ein großes
Risiko darstellen. Trotz Grexit könnte Griechenland den Euro
behalten; nein, nur mit Wiedereinführung der Drachme wäre das Land zu
sanieren. Die Regierung in Athen ist planlos; nein, in die Gespräche
ist Bewegung gekommen. Bis Freitag muss es eine Lösung geben; nein,
am Freitag ist keine Lösung zu erwarten. Russland gibt Griechenland
für nicht einmal geplante Pipelines Milliarden; nein, Russland gibt
kein Geld - vielleicht.

Alles klar? So sieht europäische Politik aus.

Die einzige Gewissheit auf europäischer Ebene ist derzeit die
Teilnahme Griechenlands am Eurovision Song Contest. Hoffentlich
gewinnen die Griechen nicht, das würde ein neues Sparpaket auslösen.
Für das müsste Athen zuerst ein Sanierungsprogramm vorlegen, das
erneut zu kindischen Streitereien führen würde. Auf jeden Fall müsste
Finanzminister Yanis Varoufakis sein Motorrad verkaufen.

Was sich rund um Griechenland abspielt, ist nur noch lächerlich. Dem
mit Humor zu begegnen, ist eine Möglichkeit, aber nur, wenn man nicht
in Griechenland lebt und auch kein superreicher Oligarch ist. Das
Verblüffende dabei ist, dass sich niemand in den EU-Institutionen
darüber Sorgen zu machen scheint. Jeder plappert drauflos, als handle
es sich bei der Währungsunion um ein Spiel. Nur die Würfel fehlen.

Die Währungsunion ist aber kein Spiel. Sie ist - mit dem Binnenmarkt
- Europas bisher beste Antwort auf die Globalisierung. Statt Europas
Stärke in der Welt zu verankern, wird ökonomisch Angst und Schrecken
verbreitet. Nun schaltete sich der Chefökonom von US-Präsident Barack
Obama ein, die US-Regierung hat wohl beim IWF-Treffen in Washington
kein allzu großes Vertrauen in die Europäer geschöpft.

Es wäre also ganz gut, klarzustellen, dass Griechenland in der
Eurozone verbleiben wird. Es wäre klug, der neuen Regierung, die
gerade einmal drei Monate im Amt ist, etwas Zeit zu geben. Um es
salopp zu formulieren: Auf die paar Milliarden kommt es nicht an.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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