Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Gleichgültiges Europa“

Ausgabe vom 21. April 2015

Wien (OTS) - 2013 warnte Papst Franziskus auf Lampedusa vor der "Globalisierung der Gleichgültigkeit". Ein Jahr später hielt er eine Rede vor dem Europäischen Parlament, in der er die Flüchtlings- und Asylpolitik der EU deutlich kritisierte - und sich Sorgen um die "Seele Europas" machte.

Ein paar Monate und tausende Tote später müssen sich EU und der Papst Fragen stellen: Die Entscheidung des EU-Rates, das Schiffsrettungsprogramm "Mare Nostrum" zu beenden, hat sich als erschütternder Zynismus herausgestellt. Europa hat zweifellos seine Seele verloren. Warum musste es dieses Massensterben im Mittelmeer geben?

Der Papst muss sich fragen, was seine Autorität in dieser Zeit noch bedeutet. Der Mensch ist Hüter, nicht Herr dieser Welt, erklärte er im November 2014. Doch wir alle - nicht nur die EU-Institutionen -reagierten darauf mit Gleichgültigkeit. Wenn der Papst als moralische Autorität (gar nicht so sehr als Kirchenoberhaupt) nicht mehr gehört wird, welche Werte gelten dann noch?

Franziskus sprach nun von "Brüdern und Schwestern", die im Mittelmeer ertrunken sind, doch Österreich schickt afrikanische Flüchtlinge über den Brenner zurück nach Italien. Nationale Regierungen fordern die EU zum Handeln auf - und verhindern als Teil dieser EU jede europäische Lösung. Sie fordern UN-Flüchtlingslager in Libyen, obwohl sie wissen, dass dieser Vorschlag völlig undurchführbar ist.

Europa ist zur Autorität der Doppelmoral geworden, der Papst folgerichtig dazu degradiert, die dazugehörigen Sünden zu vergeben. Viele Bürger lesen in den Medien entsetzt über die Toten im Mittelmeer - und unterschreiben gleichzeitig Petitionen gegen Flüchtlingsheime im eigenen Ort. Diese Flüchtlinge stammen aus afrikanischen Ländern, deren Strukturen - wie in Libyen - von Europa aus zerstört wurden. Es geht dabei immer um Bodenschätze, nie um Menschen. Wir lassen Erdöl aus Libyen ins Land, doch die Menschen lassen wir ertrinken. Mit deren Elend will niemand etwas zu tun haben.

Es ist kein leichter Job, den ein Papst in so einer Welt hat. Christliche Nächstenliebe? Vergiss es. Diesem Papst wird ein anderer folgen, auch er wird aufrüttelnde Worte sprechen. Wenn Europa seine Seele nicht wiederfindet, werden auch diese Worte verschwendet sein.

Europas Seele, das sind übrigens wir.

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