• 20.04.2015, 19:30:01
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Gleichgültiges Europa“

Ausgabe vom 21. April 2015

Utl.: Ausgabe vom 21. April 2015 =

Wien (OTS) - 2013 warnte Papst Franziskus auf Lampedusa vor der
"Globalisierung der Gleichgültigkeit". Ein Jahr später hielt er eine
Rede vor dem Europäischen Parlament, in der er die Flüchtlings- und
Asylpolitik der EU deutlich kritisierte - und sich Sorgen um die
"Seele Europas" machte.

Ein paar Monate und tausende Tote später müssen sich EU und der Papst
Fragen stellen: Die Entscheidung des EU-Rates, das
Schiffsrettungsprogramm "Mare Nostrum" zu beenden, hat sich als
erschütternder Zynismus herausgestellt. Europa hat zweifellos seine
Seele verloren. Warum musste es dieses Massensterben im Mittelmeer
geben?

Der Papst muss sich fragen, was seine Autorität in dieser Zeit noch
bedeutet. Der Mensch ist Hüter, nicht Herr dieser Welt, erklärte er
im November 2014. Doch wir alle - nicht nur die EU-Institutionen -
reagierten darauf mit Gleichgültigkeit. Wenn der Papst als moralische
Autorität (gar nicht so sehr als Kirchenoberhaupt) nicht mehr gehört
wird, welche Werte gelten dann noch?

Franziskus sprach nun von "Brüdern und Schwestern", die im Mittelmeer
ertrunken sind, doch Österreich schickt afrikanische Flüchtlinge über
den Brenner zurück nach Italien. Nationale Regierungen fordern die EU
zum Handeln auf - und verhindern als Teil dieser EU jede europäische
Lösung. Sie fordern UN-Flüchtlingslager in Libyen, obwohl sie wissen,
dass dieser Vorschlag völlig undurchführbar ist.

Europa ist zur Autorität der Doppelmoral geworden, der Papst
folgerichtig dazu degradiert, die dazugehörigen Sünden zu vergeben.
Viele Bürger lesen in den Medien entsetzt über die Toten im
Mittelmeer - und unterschreiben gleichzeitig Petitionen gegen
Flüchtlingsheime im eigenen Ort. Diese Flüchtlinge stammen aus
afrikanischen Ländern, deren Strukturen - wie in Libyen - von Europa
aus zerstört wurden. Es geht dabei immer um Bodenschätze, nie um
Menschen. Wir lassen Erdöl aus Libyen ins Land, doch die Menschen
lassen wir ertrinken. Mit deren Elend will niemand etwas zu tun
haben.

Es ist kein leichter Job, den ein Papst in so einer Welt hat.
Christliche Nächstenliebe? Vergiss es. Diesem Papst wird ein anderer
folgen, auch er wird aufrüttelnde Worte sprechen. Wenn Europa seine
Seele nicht wiederfindet, werden auch diese Worte verschwendet sein.

Europas Seele, das sind übrigens wir.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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