Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Befreiung, nicht Besatzung“

Ausgabe vom 18. April 2015

Wien (OTS) - Die alliierten Streitkräfte, die 1945 das Nazi-Regime besiegten, galten (und gelten 70 Jahre später immer noch bei vielen) in Österreich als Besatzer. Auf die Idee, dass Russen, Amerikaner, Briten und Franzosen das Land befreiten, wollte sich die damalige Politik gar nicht und die spätere Politik nur zögernd einlassen.

Die Geschichte, wonach Österreich das erste Opfer der Nazi-Aggression geworden sei, war ja auch angenehmer, als sich einzugestehen, ein Teil der mörderischen Nazi-Herrschaft gewesen zu sein. Die Schuldfrage blieb an Deutschland hängen. Erst Bundeskanzler Franz Vranitzky macht dem 1991 in einer Rede im Parlament ein Ende. 1993 wiederholte er in Israel, dass auch Österreich für den Holocaust verantwortlich war.

Spätestens damit sollten also aus den "Besatzungsmächten" eigentlich "Befreier" werden.
In der Bevölkerung hat sich das bis heute nicht zur Gänze durchgesetzt.

Womit sich Österreich als nicht gerade dankbar erweist. Die Rote Armee nahm einen ungeheuren Blutzoll in Kauf, um die Nazi-Herrschaft in Österreich zu beenden. Alleine im Kampf um Wien in den letzten Kriegstagen kamen 19.000 russische (und ukrainische) Soldaten ums Leben. Nach der Befreiung war Österreich jenes Land, das am stärksten vom Marshallplan der USA profitierte.

Als nicht besonders dankbar erwiesen sich auch die beiden Parteien SPÖ und ÖVP. Unbestritten ist ihr Verdienst, Österreich in die Riege der demokratischen Staaten zurückgeführt zu haben. In den ersten Jahren nach 1945 allerdings mit einigem Opportunismus. Zwar wurden ehemalige NSDAP-Mitglieder nun für demokratische Zwecke "rekrutiert", aber eine Einladung zur Rückkehr an von den Nazis vertriebene jüdische Mitbürger blieb aus. Auch Entschädigungszahlungen für deren "Enteignung" (Anführungszeichen deshalb, weil es sich in Wahrheit um Raub und Diebstahl handelte) wurden erst 1995 im Nationalfonds institutionalisiert.

Und all dies, um eine Opferthese aufrechtzuerhalten. Sie kostete das Land viel, eigentlich zu viel. Aus "Befreiern" wurden "Besatzer", deren Abzug in der Geschichte der Zweiten Republik immer noch hymnischer beschrieben wird als die Befreiung von der Nazi-Diktatur. Und die Weigerung, überlebende Vertriebene zurückzuholen, nahm der Zweiten Republik jene Intelligenz, die sie hervorragend gebraucht hätte.

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