Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Ökonomische Zeitenwende"

Ausgabe vom 9. April 2015

Wien (OTS) - Die Welt müsse sich von den hohen Wachstumsraten der vergangenen Jahrzehnte verabschieden, rät eine Studie des Internationalen Wirtschaftsfonds (IWF). Sowohl die entwickelten Industrienationen Europas und Amerikas als auch die asiatischen Wirtschaftsmächte hätten einen Teil ihrer "Wachstumsfähigkeit für immer verloren". Eine alternde Bevölkerung und das Ausreizen technologischer Innovationen seien dafür verantwortlich.

Dieser Befund ist nicht das Problem, sondern die Reaktion darauf. Denn dies bedeutet zweierlei: Die Kluft zwischen (bereits reichen) Industrie- und Schwellenländern wird wachsen, anstatt sich zu schließen. Und viele Investoren werden durch noch aggressivere Einsparungsprogramme in Konzernen versuchen, sinkende Gewinne zu vermeiden. Das bedeutet steigenden Lohndruck und Arbeitslosigkeit.

Wenn der durchaus beunruhigende Bericht des IWF irgendeine Bedeutung haben soll, dann ist es notwendig, dass sich alle auf niedrigere Wachstumsraten einstellen. Das bedeutet auch niedrigere Gewinnmargen, ein Ende der (nicht gerechtfertigten) Börsen-Hausse und geringere Steuereinnahmen für die Staaten.

Ökologisch mag dies mehr als wünschenswert sein, ökonomisch ist die Welt aber nicht darauf vorbereitet. Sollte sie aber, denn nur ein sanfter Umbau des Wirtschaftssystems kann Krisen vermeiden.

Und ist auch die Politik in der Lage, dies zu kommunizieren? Die Botschaft, dass der Wohlstand nicht steigen, sondern eher sinken wird, gilt nicht gerade als Wahlschlager.

Der IWF-Bericht verheißt der Welt neue Verteilungskämpfe, materielle wie geistige. Niemand wird verzichten wollen, weder auf Ressourcen noch auf Vormachtstellungen.

Und doch werden alle verzichten müssen, wenn es nach dem IWF-Bericht geht. Das würde ein - österreichisch ausgedrückt -sozialpartnerschaftliches Vorgehen ratsam erscheinen lassen, um Konflikte nicht eskalieren zu lassen. Global betrachtet eine naive Idee, nicht jedoch im europäischen Kontext. Die EU könnte hier ihre große Stärke ausspielen und vorzeigen, wie das geht. Das allerdings würde bedeuten, im Vergleich dazu kleinliche Streitereien - wie jene mit Griechenland - entspannter anzugehen. Europas Politiker sollten statt Athens Reformliste lieber den ungleich wichtigeren IWF-Bericht studieren.

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