- 08.04.2015, 19:30:16
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Ökonomische Zeitenwende"
Ausgabe vom 9. April 2015
Utl.: Ausgabe vom 9. April 2015 =
Wien (OTS) - Die Welt müsse sich von den hohen Wachstumsraten der
vergangenen Jahrzehnte verabschieden, rät eine Studie des
Internationalen Wirtschaftsfonds (IWF). Sowohl die entwickelten
Industrienationen Europas und Amerikas als auch die asiatischen
Wirtschaftsmächte hätten einen Teil ihrer "Wachstumsfähigkeit für
immer verloren". Eine alternde Bevölkerung und das Ausreizen
technologischer Innovationen seien dafür verantwortlich.
Dieser Befund ist nicht das Problem, sondern die Reaktion darauf.
Denn dies bedeutet zweierlei: Die Kluft zwischen (bereits reichen)
Industrie- und Schwellenländern wird wachsen, anstatt sich zu
schließen. Und viele Investoren werden durch noch aggressivere
Einsparungsprogramme in Konzernen versuchen, sinkende Gewinne zu
vermeiden. Das bedeutet steigenden Lohndruck und Arbeitslosigkeit.
Wenn der durchaus beunruhigende Bericht des IWF irgendeine Bedeutung
haben soll, dann ist es notwendig, dass sich alle auf niedrigere
Wachstumsraten einstellen. Das bedeutet auch niedrigere Gewinnmargen,
ein Ende der (nicht gerechtfertigten) Börsen-Hausse und geringere
Steuereinnahmen für die Staaten.
Ökologisch mag dies mehr als wünschenswert sein, ökonomisch ist die
Welt aber nicht darauf vorbereitet. Sollte sie aber, denn nur ein
sanfter Umbau des Wirtschaftssystems kann Krisen vermeiden.
Und ist auch die Politik in der Lage, dies zu kommunizieren? Die
Botschaft, dass der Wohlstand nicht steigen, sondern eher sinken
wird, gilt nicht gerade als Wahlschlager.
Der IWF-Bericht verheißt der Welt neue Verteilungskämpfe, materielle
wie geistige. Niemand wird verzichten wollen, weder auf Ressourcen
noch auf Vormachtstellungen.
Und doch werden alle verzichten müssen, wenn es nach dem IWF-Bericht
geht. Das würde ein - österreichisch ausgedrückt -
sozialpartnerschaftliches Vorgehen ratsam erscheinen lassen, um
Konflikte nicht eskalieren zu lassen. Global betrachtet eine naive
Idee, nicht jedoch im europäischen Kontext. Die EU könnte hier ihre
große Stärke ausspielen und vorzeigen, wie das geht. Das allerdings
würde bedeuten, im Vergleich dazu kleinliche Streitereien - wie jene
mit Griechenland - entspannter anzugehen. Europas Politiker sollten
statt Athens Reformliste lieber den ungleich wichtigeren IWF-Bericht
studieren.
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