Wiener Zeitung – Leitartikel von Walter Hämmerle: „Besuch beim Großkönig“

Ausgabe vom 8. April 2015

Wien (OTS) - Auf 278,7 Milliarden Euro bezifferte am Dienstag ein griechisches Regierungsmitglied die Summe der offenen Reparationsforderungen an Deutschland. "Dumm" nennt diese Vermengung von historischer Schuld und aktuellem Schuldenstreit der deutsche Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel. Und heute wirbt Premier Alexis Tsipras bei Wladimir Putin um Hilfe im Gegenzug für Stimmungsmache gegen eine Verlängerung der EU-Sanktionen.

Vor 2500 Jahren haben die Griechen aus dem Widerstand ihrer Stadtstaaten gegen das Großreich der Perser einen Gründungsmythos ihrer Kultur geschmiedet. Wenn heute Tsipras mit einem Lächeln Putin die Hand schüttelt, ist das kein Zeichen eines ausgeklügelten Plans, sondern ein groteskes Symbol für seine Schwäche. Schließlich könnte man angesichts der jüngsten russischen Expansionsbemühungen durchaus sagen: Tsipras besucht heute den Großkönig.

Mit kühler Rationalität kommt man bei der Analyse des griechischen Dilemmas schon lange nicht mehr weiter. Die Vernunft hat abgedankt. Und deshalb stehen auch die Kommentatoren und Experten aller Lager so ratlos da. Der Versuch, einen roten Faden in die Ereignisse einzuweben, der dem Geschehen Ziel und Sinn gibt, ist vergeblich. Die "Partner", so scheint es, haben die gemeinsame Gesprächsebene längst verlassen. Verständigung ist ausgeschlossen.

Die strapazierte Metapher vom "Pokerspiel Athens", die von der Figur des Finanzministers, eines Experten für Spieltheorie, befeuert wurde, wirkt hilflos. Aufklärung leisten solche Hilfskonstruktionen zur Welterklärung nicht.

Egal, wie die Sache mit Griechenland am Ende ausgeht: Die Auseinandersetzung wird die europäische Entwicklung auf absehbare Zeit prägen, hat sie doch die Fragilität ihrer Architektur aufgezeigt, und zwar sowohl was die politische Kultur und die Rolle von Bürgern, Markt und Staat als auch die gemeinsamen geopolitischen Interessen angeht.

Es mag - in Teilöffentlichkeiten - einen relativ großen Vorrat an gemeinsamen Wert- und Politikvorstellungen geben. Dies trifft vor allem auf die europäischen Kerninstitutionen, also auf Parlament, Kommission und - allerdings bereits abgemindert - Rat zu. Auf den Ebenen darunter jedoch, das zeigt die fortgesetzte Hellas-Krise in bestürzender Deutlichkeit, prallen Kulturen und Mentalitäten mit Wucht aufeinander.

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