- 07.04.2015, 19:30:16
- /
- OTS0141 OTW0141
Wiener Zeitung – Leitartikel von Walter Hämmerle: „Besuch beim Großkönig“
Ausgabe vom 8. April 2015
Utl.: Ausgabe vom 8. April 2015 =
Wien (OTS) - Auf 278,7 Milliarden Euro bezifferte am Dienstag ein
griechisches Regierungsmitglied die Summe der offenen
Reparationsforderungen an Deutschland. "Dumm" nennt diese Vermengung
von historischer Schuld und aktuellem Schuldenstreit der deutsche
Vizekanzler und SPD-Chef Sigmar Gabriel. Und heute wirbt Premier
Alexis Tsipras bei Wladimir Putin um Hilfe im Gegenzug für
Stimmungsmache gegen eine Verlängerung der EU-Sanktionen.
Vor 2500 Jahren haben die Griechen aus dem Widerstand ihrer
Stadtstaaten gegen das Großreich der Perser einen Gründungsmythos
ihrer Kultur geschmiedet. Wenn heute Tsipras mit einem Lächeln Putin
die Hand schüttelt, ist das kein Zeichen eines ausgeklügelten Plans,
sondern ein groteskes Symbol für seine Schwäche. Schließlich könnte
man angesichts der jüngsten russischen Expansionsbemühungen durchaus
sagen: Tsipras besucht heute den Großkönig.
Mit kühler Rationalität kommt man bei der Analyse des griechischen
Dilemmas schon lange nicht mehr weiter. Die Vernunft hat abgedankt.
Und deshalb stehen auch die Kommentatoren und Experten aller Lager so
ratlos da. Der Versuch, einen roten Faden in die Ereignisse
einzuweben, der dem Geschehen Ziel und Sinn gibt, ist vergeblich. Die
"Partner", so scheint es, haben die gemeinsame Gesprächsebene längst
verlassen. Verständigung ist ausgeschlossen.
Die strapazierte Metapher vom "Pokerspiel Athens", die von der Figur
des Finanzministers, eines Experten für Spieltheorie, befeuert wurde,
wirkt hilflos. Aufklärung leisten solche Hilfskonstruktionen zur
Welterklärung nicht.
Egal, wie die Sache mit Griechenland am Ende ausgeht: Die
Auseinandersetzung wird die europäische Entwicklung auf absehbare
Zeit prägen, hat sie doch die Fragilität ihrer Architektur
aufgezeigt, und zwar sowohl was die politische Kultur und die Rolle
von Bürgern, Markt und Staat als auch die gemeinsamen geopolitischen
Interessen angeht.
Es mag - in Teilöffentlichkeiten - einen relativ großen Vorrat an
gemeinsamen Wert- und Politikvorstellungen geben. Dies trifft vor
allem auf die europäischen Kerninstitutionen, also auf Parlament,
Kommission und - allerdings bereits abgemindert - Rat zu. Auf den
Ebenen darunter jedoch, das zeigt die fortgesetzte Hellas-Krise in
bestürzender Deutlichkeit, prallen Kulturen und Mentalitäten mit
Wucht aufeinander.
www.wienerzeitung.at/leitartikel
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






