- 07.04.2015, 10:00:16
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Morgen vor 70 Jahren: 8. April 1945
Wien (OTS/RK) - Im Gedenken an die Geschehnisse der letzten Tage des
Zweiten Weltkriegs - vom erstmaligen Betreten Wiener Bodens durch die
sowjetische Truppen bis zur Gründung der Zweiten Republik Österreich
im Roten Salon des Wiener Rathauses - erinnert die
Rathauskorrespondenz bis 29. April täglich an wichtige Vorkommnisse
dieser Tage vor 70 Jahren.
Sonntag, der 8. April 1945
o Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet: "Im Raum um Wien konnten die
Sowjets im Nordteil des Wiener Waldes nach Westen und Norden Boden
gewinnen und trotz zäher Gegenwehr unserer Truppen in die südlichen
Vorstädte der Stadt eindringen. Erbitterte Kämpfe sind im Gange". Die
Wiener erfahren diesen Wehrmachtsbericht nicht, weil es kein Radio
und keine Zeitungen mehr gibt. Eine kleine Zeitung namens "Wiener
Presse" mit Durchhalteparolen wird zwar noch gedruckt, aber nicht
mehr verbreitet.
o Die Rote Armee erreicht in voller Breite den Gürtel. Dort gibt es
kurzfristig heftige Kämpfe. Wehrmacht, SS und Volkssturm (fast
ausschließlich Vierzehn- bis Sechzehnjährige, denn die zum Volkssturm
einberufenen alten Männer sind fast alle untergetaucht) haben
Eckhäuser in Kampfstellungen umgewandelt, die Bewohner in die Keller
der Nachbarhäuser umgesiedelt. Auch Stadtbahnstationen werden als
Festungen benützt.
o Die sowjetischen Truppen erobern Klosterneuburg und Tulln,
amerikanische Truppen erreichen Thüringen, die jugoslawischen
Partisanen haben praktisch ganz Bosnien befreit.
o In großen Teilen Wiens gibt es keine Ordnungsmacht. Zehntausende
Flüchtlinge irren durch die Stadt. Plünderungen und Gewalttaten
nehmen überhand. So wird zum Beispiel ein großes Gepäcklager am
Franz-Josefs-Bahnhof von Zivilisten geplündert. Das Gepäck gehörte
Frauen und Kindern, die evakuiert werden sollten, aber wegen des
raschen Vormarsches der Roten Armee nicht mehr abreisen konnten. Sie
wurden in umliegenden Häusern untergebracht, mussten ihr Gepäck aber
im Bahnhof zurücklassen. Bei Auseinandersetzungen der Plünderer gibt
es mehrere Tote.
o Die drei führenden Vertreter des Widerstandes in der Heeresstreife
Wien - Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant
Rudolf Raschke - werden in Floridsdorf Am Spitz an Laternenpfählen
gehenkt, dabei mit Faustschlägen, Fußtritten und Bajonettstichen
misshandelt.
o Im niederösterreichischen Kirchstetten begeht der Lyriker Josef
Weinheber, vor allem durch "Wien wörtlich" populär geworden,
Selbstmord. Er wurde 1892 in Wien geboren, von den
Nationalsozialisten als "Dichterfürst" gefeiert. Dafür bedankte er
sich mit Huldigungsgedichten an Hitler und die Nazis. Er war der
prominenteste unter vielen Österreichern, die aus Angst davor, zur
Verantwortung gezogen zu werden, Selbstmord verübten.
o In allen Wiener Bezirken gibt es Brände, aber keine Feuerwehr und
vielfach auch kein Löschwasser. Der Stephansdom beginnt an mehreren
Stellen zu brennen, vermutlich durch Funkenflug von den brennenden
Häusern der Umgebung. Zivilisten löschen, oft unter Lebensgefahr,
diese vorerst kleinen Brände, doch entstehen immer wieder neue
Brandherde.
o Eine Wehrmachtseinheit will das Allgemeine Krankenhaus als
Stützpunkt benützen. Ärzte und Schwestern unter Führung von Prof.
Schönbauer können die Soldaten unter Hinweis auf die vielen
Verwundeten im Spital von diesem Plan abhalten. Auch die
Kinderübernahmestelle im 9. Bezirk wird von der Wehrmacht als
Kampfstellung beansprucht, doch glauben die Offiziere den - unwahren
- Behauptungen, dass die Anlage voller Kinder mit schwer ansteckenden
Krankheiten sei und ziehen deshalb weiter.
o In der Tagesmeldung der Heeresgruppe Süd heißt es: "Truppe meldet
Teilnahme von Zivilisten mit roten Armbinden auf Seiten der Russen."
(Schluss) red
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