Morgen vor 70 Jahren: 8. April 1945

Wien (OTS/RK) - Im Gedenken an die Geschehnisse der letzten Tage des Zweiten Weltkriegs - vom erstmaligen Betreten Wiener Bodens durch die sowjetische Truppen bis zur Gründung der Zweiten Republik Österreich im Roten Salon des Wiener Rathauses - erinnert die Rathauskorrespondenz bis 29. April täglich an wichtige Vorkommnisse dieser Tage vor 70 Jahren.

Sonntag, der 8. April 1945

o Der deutsche Wehrmachtsbericht meldet: "Im Raum um Wien konnten die Sowjets im Nordteil des Wiener Waldes nach Westen und Norden Boden gewinnen und trotz zäher Gegenwehr unserer Truppen in die südlichen Vorstädte der Stadt eindringen. Erbitterte Kämpfe sind im Gange". Die Wiener erfahren diesen Wehrmachtsbericht nicht, weil es kein Radio und keine Zeitungen mehr gibt. Eine kleine Zeitung namens "Wiener Presse" mit Durchhalteparolen wird zwar noch gedruckt, aber nicht mehr verbreitet.

o Die Rote Armee erreicht in voller Breite den Gürtel. Dort gibt es kurzfristig heftige Kämpfe. Wehrmacht, SS und Volkssturm (fast ausschließlich Vierzehn- bis Sechzehnjährige, denn die zum Volkssturm einberufenen alten Männer sind fast alle untergetaucht) haben Eckhäuser in Kampfstellungen umgewandelt, die Bewohner in die Keller der Nachbarhäuser umgesiedelt. Auch Stadtbahnstationen werden als Festungen benützt.

o Die sowjetischen Truppen erobern Klosterneuburg und Tulln, amerikanische Truppen erreichen Thüringen, die jugoslawischen Partisanen haben praktisch ganz Bosnien befreit.

o In großen Teilen Wiens gibt es keine Ordnungsmacht. Zehntausende Flüchtlinge irren durch die Stadt. Plünderungen und Gewalttaten nehmen überhand. So wird zum Beispiel ein großes Gepäcklager am Franz-Josefs-Bahnhof von Zivilisten geplündert. Das Gepäck gehörte Frauen und Kindern, die evakuiert werden sollten, aber wegen des raschen Vormarsches der Roten Armee nicht mehr abreisen konnten. Sie wurden in umliegenden Häusern untergebracht, mussten ihr Gepäck aber im Bahnhof zurücklassen. Bei Auseinandersetzungen der Plünderer gibt es mehrere Tote.

o Die drei führenden Vertreter des Widerstandes in der Heeresstreife Wien - Major Karl Biedermann, Hauptmann Alfred Huth und Oberleutnant Rudolf Raschke - werden in Floridsdorf Am Spitz an Laternenpfählen gehenkt, dabei mit Faustschlägen, Fußtritten und Bajonettstichen misshandelt.

o Im niederösterreichischen Kirchstetten begeht der Lyriker Josef Weinheber, vor allem durch "Wien wörtlich" populär geworden, Selbstmord. Er wurde 1892 in Wien geboren, von den Nationalsozialisten als "Dichterfürst" gefeiert. Dafür bedankte er sich mit Huldigungsgedichten an Hitler und die Nazis. Er war der prominenteste unter vielen Österreichern, die aus Angst davor, zur Verantwortung gezogen zu werden, Selbstmord verübten.

o In allen Wiener Bezirken gibt es Brände, aber keine Feuerwehr und vielfach auch kein Löschwasser. Der Stephansdom beginnt an mehreren Stellen zu brennen, vermutlich durch Funkenflug von den brennenden Häusern der Umgebung. Zivilisten löschen, oft unter Lebensgefahr, diese vorerst kleinen Brände, doch entstehen immer wieder neue Brandherde.

o Eine Wehrmachtseinheit will das Allgemeine Krankenhaus als Stützpunkt benützen. Ärzte und Schwestern unter Führung von Prof. Schönbauer können die Soldaten unter Hinweis auf die vielen Verwundeten im Spital von diesem Plan abhalten. Auch die Kinderübernahmestelle im 9. Bezirk wird von der Wehrmacht als Kampfstellung beansprucht, doch glauben die Offiziere den - unwahren - Behauptungen, dass die Anlage voller Kinder mit schwer ansteckenden Krankheiten sei und ziehen deshalb weiter.

o In der Tagesmeldung der Heeresgruppe Süd heißt es: "Truppe meldet Teilnahme von Zivilisten mit roten Armbinden auf Seiten der Russen."

(Schluss) red

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