- 11.03.2015, 14:54:55
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Mediendiskussion: „Transparenz ist die neue Objektivität“
Chefredakteursrunde bei Branchentreff OTSconnect zum Thema: „Lügenpresse – Unwort des Jahres oder Indikator für sinkende Glaubwürdigkeit?“

Utl.: Chefredakteursrunde bei Branchentreff OTSconnect zum Thema:
„Lügenpresse – Unwort des Jahres oder Indikator für sinkende
Glaubwürdigkeit?“ =
Wien (OTS) - Kampagnen- und Sensationsjournalismus, manipulierte
Berichterstattung, PR-Schreibe, übertriebene oder ungenaue
Darstellung, sachliche und orthografische Fehler - so nur einige der
Gründe für den zunehmenden Vertrauensverlust von Leserinnen und
Lesern gegenüber ihren Medien. Den Fragen, ob Medien noch als
Vermittler glaubwürdiger Botschaften taugen, und wie Redaktionen ihr
wertvollstes Gut schützen, stellte sich Mittwochvormittag, eine
hochkarätige Journalistenrunde im Rahmen der APA-OTSconnect.
Fritz Dittlbacher, Chefredakteur ORF-Fernsehen, führt die erneute
Aktualität des historisch begründeten Begriffs "Lügenpresse" auf die
derzeit aktuellen Unsicherheiten und Krisen zurück. "Wir als Medien
haben uns zu lange darin gesuhlt, die vierte Gewalt im Staat zu sein.
Das Vertrauen in Regierungen sinkt - und auch das Vertrauen in
Medien. Heute sind auch wir ‚die da oben‘".
"Der Vertrauensverlust ist kein Zeichen einer Krise, die die Menschen
nicht verstehen", entgegnet NZZ-Österreich Chefredakteur Michael
Fleischhacker. "Die Vorwürfe, die etablierten Medien würden nur einen
Teil der österreichischen Realität abbilden, sind zutreffend und
damit auch der Hauptgrund für die sinkende Glaubwürdigkeit."
NEWS-Chefredakteurin Eva Weissenberger kann dieser Entwicklung auch
Positives abgewinnen und sieht in den Kritikern "mündigere und
selbstbewusstere Bürgerinnen und Bürger, die nicht mehr so sehr an
Institutionen hängen". Auch spiele die digitale Revolution mit
hinein: "Ein Journalist steht heute Tausenden Menschen gegenüber, die
zusammen mehr wissen als ein einzelner. Das ist das Spannungsfeld, in
dem Journalismus heute überleben muss."
Dittlbacher teilt die österreichische Informationslandschaft in zwei
Gruppen von Medien und Journalismus: "Die einen, die sich der
Aufklärung verpflichtet fühlen, die andere Gesichtspunkte und
erweiterte Weltbilder anbieten, gegenüber jenen, die das zu vermeiden
versuchen und sehr erfolgreich Vorurteile bestätigen." Weissenberger
sieht das Versprechen, die Wahrheit zu kennen und den Willen,
objektiv zu sein, auch im Boulevard. "Die Leute kapieren jetzt, dass
es gar keine Wahrheit gibt, nur eine Annäherung und die Suche danach.
Die neue Objektivität ist Transparenz."
Kein Verständnis für das "Arbeitsleid des Aufklärers" will
Fleischhacker in der Diskussion aufbringen. "Es ist überheblich,
das, was unserer Meinung entspricht, für objektiv zu halten. Alle
Medien bieten auch Boulevardformate - auch jenes, das sich anmaßt,
der oberste Gerichtshof in Moralangelegenheiten zu sein." Für
Dittlbacher gibt es einen großen Unterschied zwischen Differenzieren
und Polemisieren, "nicht jede Form von Journalismus will dasselbe mit
denselben Mitteln." Möglichkeiten für Objektivität gebe es im
Journalismus ausreichend, "z.B. Daten, Zahlen, Fakten, in die Ukraine
zu fahren und dort zu recherchieren."
"Galt es für den Journalismus früher, Nachrichten zu produzieren, so
wäre es heute Wissen", so Fleischhacker. "Wir haben die neue, große
Aufgabe, Information neben ihrer generischen Produktion in einen
Kontext zu stellen." Weissenberger will davon abrücken, dass Medien
die Wahrheit gepachtet hätten, vielmehr gelte es, Wissen anzubieten.
Einig zeigten sich die Diskutanten in der Herausforderung, die die
Beschleunigung mit sich bringt. "Die Infos kommen immer schneller und
sind nicht mehr so leicht zu überprüfen. Es muss möglichst schnell
möglichst viel geliefert werden. Recherchen, Check, Doublecheck
brauchen jedoch Zeit", sagt Dittlbacher. Dass Journalistinnen und
Journalisten in sozialen Netzwerken diese Prinzipien noch öfter
vernachlässigen und "Informationen instantly und oft ohne Recherche
verbreiten, schadet der Glaubwürdigkeit zusätzlich", verurteilt
Weissenberger.
Wenngleich laut Weissenberger die sinkende Glaubwürdigkeit nicht an
Einzelfehlern, sondern vielmehr an einem fortgesetztem Prozess
festzumachen ist, ortet Dittlbacher dennoch nach wie vor den
Vertrauensvorschuss in Medien: "Das legt uns auch eine große
Verantwortung auf." Die Debatte sei jedoch von allen Seiten zu
begrüßen, da sie Medien und Gesellschaft herausfordert, über sich
selbst nachzudenken.
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