• 10.03.2015, 12:02:46
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Die Angst der Mittelschicht vor der Gesamtschule

Nach vernichtender NMS-Evaluierung: Neuerscheinung rechnet mit der Verhinderung der Gesamtschule ab und fordert Schadensbegrenzung.

Utl.: Nach vernichtender NMS-Evaluierung: Neuerscheinung rechnet mit
der Verhinderung der Gesamtschule ab und fordert
Schadensbegrenzung. =

Wien, Braunau (OTS) - Bildungsverlierer heißen Kevin oder Ahmed,
wohnen in städtischen Brennpunkten für sozial Schwache und sind in
der Volksschule einmal zurückgestellt worden, was nicht unbedingt mit
mangelnder Begabung zu tun hat. Das Gymnasium bleibt ihnen
verschlossen und ihre Leistungen werden an der Hauptschule nicht
besser - auf schlechte (Betragens-)Noten sind sie als Buben sogar
ein bisschen stolz. Ein Teil von ihnen bleibt funktionaler
Analphabet und sozialer Problemfall. Um diese Ausgeschlossenen, die
das Versagen unseres Bildungssystems verkörpern, geht es u. a. im
neuen Buch der Sozialwissenschaftlerin Gertrud Nagy, erschienen in
der Edition Innsalz. Sie hat auch am Evaluierungsbericht der Neuen
Mittelschule (NMS) mitgearbeitet. Als Expertin analysiert sie nun in
ihrem neuen Buch die Ineffizienz unseres Schulsystems, kritisiert
dessen soziale Undurchlässigkeit und plädiert für Schadensbegrenzung.

Soziale Durchmischung als Gefahr?

Ob Einheitsschule (1920), Gesamtschulversuche seit den 1970er Jahren
oder aktuelle Debatten - soziale Durchmischung wird von der
Mittelschicht als Bedrohung wahrgenommen. Als ehemalige Schulleiterin
kommt Nagy aus der Praxis, kennt die bildungspolitischen Auswirkungen
von halbherzigen Reformen zur Schule der Zehn- bis Vierzehnjährigen
und beobachtet sie nun als Wissenschaftlerin: Mittelschichteltern
befürchten Qualitätsverlust und soziale Nachteile, wenn ihre Kinder
gemeinsam mit der Unterschicht unterrichtet werden. Sie kämpfen für
deren Gymnasiumübertritt und nehmen dafür auch Notendumping in der
Volksschule in Kauf - ein tabuisiertes Thema, das im Buch aufgezeigt
wird. Kinder aus sozial schwachem Elternhaus, oft mit
Migrationshintergrund, bleiben nun eben in der Neuen Mittelschule
"unter sich" - mit ungünstigen Auswirkungen auf Schulfreude und
Schulerfolg.

"Null-Bock-Kids als Risiko für Wirtschaft und Demokratie

"Wir müssen dringend gegensteuern,", fordert Nagy in ihrem
aufrüttelnden Buch. Marginalisierte Jugendliche, die "Null-Bock" auf
die Schule haben, tendieren auch zu "Null-Bock" auf die
Leistungsgesellschaft und auf demokratische Werte. "Das macht uns
letztlich alle zu Betroffenen dieser Bildungsmisere und ist eine
Bedrohung unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts". Die Neue
Mittelschule hätte aber - theoretisch - das Potenzial, die ärgsten
Missstände mittels neuer Lehr- und Lernkultur zu beseitigen, wenn
zugleich Brennpunktschulen durch bedarfsorientierte Mittelzuweisungen
unterstützt würden. "Neu und spannend ist auch, wie die Autorin die
Rolle der Mittelschicht als Mit-Verhinderer einer Gesamtschule
analysiert. Sie bleibt nicht auf der Oberfläche der Bildungsmisere
stehen, sondern thematisiert deren Ursachen" meint etwa
Bildungsexperte Kurt Schmid vom Institut für Bildungsforschung der
Wirtschaft zum neuen Buch.

Das Buch "Die Angst der Mittelschicht vor der Gesamtschule" ist das
erste in der neuen Buchserie "Schule kontrovers" der Edition Innsalz.
EUR 16,50, Broschiert: 191 Seiten, edition innsalz, ISBN-10:
3902981377, ISBN-13: 978-3902981370

www.edition-innsalz.at

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