• 05.03.2015, 12:10:44
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46 Prozent Ärztinnen – und täglich werden es mehr

Eine Analyse anlässlich des Weltfrauentages am Sonntag, 8. März 2015

Utl.: Eine Analyse anlässlich des Weltfrauentages am Sonntag, 8.
März 2015 =

Wien (OTS) - Die Statistik belegt, dass die Medizin in den
vergangenen Jahren immer "weiblicher" geworden ist. Und diese
Entwicklung wird noch weiter fortschreiten. In den kommenden Jahren
werden fast alle Bereiche ärztlicher Tätigkeit mit mindestens 50
Prozent Frauen besetzt sein. Dies erfordert ein Umdenken in Bezug auf
die ärztlichen Arbeitsbedingungen. Im Vordergrund steht jedenfalls
eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Wenn dies nicht
gelingt, wird der bereits existierende "strukturelle Ärztemangel"
eine noch größere Dimension erreichen.

Derzeit liegt die Verteilung aller Ärztinnen und Ärzte in
Niederösterreich bei 46 Prozent Ärztinnen zu 54 Prozent Ärzten. Im
niedergelassenen Bereich beträgt der Frauenanteil 41 Prozent. Die
Aufteilung innerhalb der verschiedenen Ärztegruppen ist jedoch höchst
unterschiedlich.

Kassenärztliche Ordinationen nur zu einem Drittel von
Ärztinnen geführt

Bei den Ärztinnen und Ärzte mit Kassenvertrag liegt in
Niederösterreich der Frauenanteil bei jeweils rund einem Drittel
Fachärztinnen (31 Prozent) und Hausärztinnen (34 Prozent). In der
Altersgruppe 60 plus finden sich unter den allgemeinmedizinischen
Kassenärztinnen und -ärzten allerdings nur mehr 15 Prozent Frauen,
bei den unter 40 Jährigen gibt es hingegen bereits 54 Prozent
Ärztinnen. Im Wahlärztebereich ist das Verhältnis im Bereich der
"reinen" Wahlärztinnen und -ärzte, also jenen ohne Neben- oder
Hauptbeschäftigung, mit 49 Prozent Frauenanteil nahezu ausgeglichen.
Die allgemeinmedizinischen Wahlarztordinationen werden allerdings zu
69 Prozent von Frauen geführt.

Dr.in Martina Hasenhündl, Kurienobmann-Stellvertreterin der NÖ
Ärztekammer, meinte dazu bei einer Pressekonferenz am Donnerstag
anlässlich des Weltfrauentages: "Offensichtlich ist es für viele
Frauen attraktiver als Wahlärztin zu arbeiten, obwohl die
Einkommensmöglichkeiten weit unter denen einer Ordination mit
Kassenvertrag liegen." Eine Umfrage der NÖ Ärztekammer aus dem Jahr
2013 bestätigt, dass der Beruf als Wahlärztin zu fast 90 Prozent
bewusst gewählt wird. "Eben deshalb, weil man sich nur als Wahlärztin
seine Arbeitsbedingungen selbst gestalten kann. In dieser
Problemstellung wird eine der großen Herausforderungen liegen,
künftig gerade im Bereich der Landmedizin eine flächendeckende
Versorgung aufrechterhalten zu können."

Spitalsbereich wird hingegen von Ärztinnen dominiert

Bei den ausschließlich angestellten Ärztinnen und Ärzten liegt der
Frauenanteil in Summe bei 57 Prozent. Doch auch hier sind große
Unterschiede in den Teilgruppen zu erkennen. "Den fachärztlichen
Bereich dominieren die Männer mit 55 Prozent, während die Frauen im
Bereich der Allgemeinmedizin 72 Prozent ausmachen. Bei den
Turnusärztinnen und -ärzten liegt der Frauenanteil aktuell bei 59
Prozent. Bezeichnend für unser öffentliches Gesundheitssystem ist,
dass nur 13 Prozent der Primariate mit Frauen besetzt sind", betonte
Dr.in Hasenhündl.

Die ärztlichen Arbeitszeiten in den Spitälern betragen laut der
IFES-Spitalsärztestudie aus dem Jahr 2013 im Durchschnitt 54 Stunden
pro Woche, wobei Männer etwa 56 Stunden und Frauen etwa 52 Stunden im
Schnitt pro Woche tätig sind. Dr.in Irene Nemeth leitet das
Genderreferat in der NÖ Ärztekammer. Sie meinte dazu: "Das sind
Arbeitszeiten, die auch für Männer familienfeindlich und für Frauen
mit Kindern eher schwer zu vereinbaren sind. Dieser Spagat ist oft
nicht machbar. Ärztinnen verzichten daher entweder auf Kinder oder
sie verlassen das Krankenhaus und schaffen sich eine "Nische", in der
sie ärztlich tätig sind. Arbeitsmedizin, Schulärztin, Ärztin für
Gutachten oder eben Wahlärztin, wie die Statistik beweist."

Zwei Drittel der Ärztinnen unter 40 Jahren sind kinderlos

Fragt man junge Frauen am Beginn des Erwachsenenlebens nach ihrer
Familienplanung, stellt man fest, dass in aller Regel in der
Lebensplanung Kinder vorgesehen sind. So auch bei Ärztinnen. Dr.in
Nemeth berichtet von einer Untersuchung aus Oberösterreich, deren
Ergebnisse sicherlich in großem Ausmaß auf andere Bundesländer
übertragbar sind: "Obwohl die Hälfte aller Ärztinnen Kinder hat, sind
rund ein Drittel der Ärztinnen unter 40 Jahren kinderlos. 60 Prozent
der kinderlosen Ärztinnen wollen noch Kinder bekommen. Und mehr als
die Hälfte der kinderlosen Ärztinnen meinen, dass sie in einem
anderen Beruf Kinder bekommen hätten. Für mich ist dies ein klares
Zeichen, dass mit dem veralteten Muster der ärztlichen Tätigkeit im
öffentlichen Gesundheitssystem eine schlechte Möglichkeit der
Vereinbarung von Beruf und Familie besteht", kritisierte Dr.in
Nemeth.

2025 werden Frauen die Medizin dominieren

In den kommenden zehn Jahren wird der Frauenanteil auf etwa 55
Prozent ansteigen. Dr.in Nemeth: "Einer immer noch gering vorhandenen
Männerdomäne in den älteren Jahrgängen wird ein eklatanter Überhang
von Frauen in jüngeren Generationen gegenüberstehen. In zehn Jahren
wird die Gruppe der Hausärztinnen von derzeit 34 Prozent auf
voraussichtlich 42 Prozent anwachsen, bei den Fachärztinnen mit
Kassenvertrag von 31 Prozent auf 38 Prozent."

Situation der Medizinerinnen in Wien

In der Großstadt Wien ist der leichte Überhang an Ärztinnen (51
Prozent) bereits vollzogen und wird sich künftig ebenfalls noch
verstärken, denn bereits 62 Prozent der in Ausbildung stehenden
Ärztinnen und Ärzte sind Frauen.

Im Bereich der Primarärztinnen liegt Wien bei 17 Prozent,
Hausärztinnen machen 45 Prozent aus und Fachärztinnen mit
Kassenvertrag 37 Prozent. Im Bereich der angestellten Ärztinnen
besteht im Fach Allgemeinmedizin mit 75 Prozent der stärkste
weibliche Überhang, die angestellten Fachärztinnen stellen 51
Prozent. Dr.in Eva Raunig, Vizepräsidentin der Ärztekammer Wien,
stellte dazu fest: "Bei den ärztlichen Berufen wird bei gleicher
Arbeit die Leistung von Frauen und Männern auch gleich bezahlt. Die
besser bezahlten Jobs, sowohl im angestellten als auch im
niedergelassenen Bereich, sind aber bis jetzt überwiegend von Männer
besetzt. Sie können offenbar leichter Arbeitsbedingungen akzeptieren,
die für Ärztinnen mit Familie oder für Alleinerzieherinnen mit
Kindern unzumutbar sind."

Forderungen der Ärztinnen anlässlich des Weltfrauentages

Dem drohenden Ärztemangel kann man nur entgegenwirken, indem man die
Arbeitsbedingungen auf Frauen abstimmt. Dazu brauchen Ärztinnen aber
auch eine starke Vertretung beispielsweise in ihrer
Standesvertretung, der Ärzteklammer. Dr.in Raunig forderte: "Wir
brauchen eine Repräsentanz von 50 Prozent Frauen in allen
Verhandlungsteams auf Kammerebene. Immerhin haben Frauen noch immer
vermehrt Erziehungs- und Betreuungs-
arbeit für ihre Kinder zu leisten, von alleinerziehenden Ärztinnen
ganz zu schweigen."

Obwohl es genügend fertige Medizinerinnen in Österreich gibt, sind
viele nicht bereit, unter den herrschenden Bedingungen als Ärztinnen
zu arbeiten und weichen in Berufe aus, die ihren Lebensvorstellungen
besser entgegenkommen. Oder sie wandern als praktizierende Ärztinnen
ins Ausland ab, wo sie bessere Möglichkeiten vorfinden. "Unsere bis
jetzt sehr gute Gesundheitsversorgung in Österreich wird aus diesen
Gründen in Zukunft nicht mehr aufrecht zu erhalten sein, wenn nicht
gegengesteuert wird", betonte Dr.in Raunig.

Es bedeutet eine Vergeudung von Ressourcen, wenn Ärztinnen nach ihrem
Studium ihren Beruf nicht ausüben können oder wollen, weil er nicht
mit einem Familienleben vereinbar ist. Der drohende Ärztemangel wird
daher sowohl im niedergelassenen als auch im angestellten Bereich
täglich konkreter.

Um auf diese hochqualifizierten Arbeitnehmerinnen nicht verzichten zu
müssen, forderten die Vertreterinnen der niederösterreichischen und
Wiener Ärztekammer: "Wir brauchen familienfreundliche
Arbeitszeitmodelle. Wir brauchen Teilzeitmodelle, auch in der
ärztlichen Ausbildung. Wir brauchen die Möglichkeit einer
Kinderbetreuung mit genügend Plätzen und den Arbeitszeiten
angepassten Öffnungszeiten. Auch die Einbeziehung der Väter muss
verbessert werden, beispielsweise durch eine gesellschaftliche
Aufwertung der Väterpflichten und flexibler Väterkarenz. Im Bereich
der Kassenverträge brauchen wir flexible Kooperationsmöglichkeiten,
die ein paralleles Arbeiten mehrerer Ärztinnen im Rahmen eines
Kassenvertrages leicht ermöglichen."

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