„profil“-Interview: NATO-Vizegeneralsekretär Jamie Shea: „Russland ist unberechenbar geworden“

Putin gehe es „in Wahrheit nicht um die NATO-Erweiterung. Sie ist nur ein angenehmer Vorwand, zum Nationalismus zurückzukehren“

Wien (OTS) - In einem Interview in der Montag erscheinenden Ausgabe des Nachrichtenmagazins "profil" erklärt Jamie Shea, Stellvertretender NATO-Generalsekretär für sicherheitspolitische Herausforderungen, im Hinblick auf die Ukraine-Krise, Russland sei zu einer "revisionistischen, unberechenbaren Macht geworden, mit einer Führung, deren Wort nicht für voll genommen werden kann".

Die Behauptung der Kreml-Führung, sich durch die Osterweiterung des transatlantischen Verteidigungsbündnisses in den vergangenen Jahren bedroht zu fühlen, sei nur taktisch, so Shea: "Es geht Wladimir Putin in Wahrheit nicht um die NATO-Erweiterung. Sie ist nur ein angenehmer Vorwand, zum Nationalismus zurückzukehren, immer autoritärer zu regieren und eine antidemokratische Kampagne zu führen - nicht nur im eigenen Land, sondern auch in anderen."

Die NATO habe bei der Erweiterung "sehr bewusst beschlossen, keine Atomwaffen, keine Kampfverbände und keine großen Militärstützpunkte in die neuen Mitgliedsstaaten zu verlagern. "Wir wollten damit zeigen: Es geht darum, dass der Osten an den Westen heranrückt und nicht der Westen militärisch an Russland. Wir haben es so angelegt, dass die NATO absolut keine militärische Bedrohung für Russland darstellen konnte", erläutert Shea gegenüber "profil".

Gleichzeitig bekennt sich der NATO-Vize-Generalsekretär zum Prinzip der Abschreckung: "Abschreckung hat sich schon in der Vergangenheit bewährt. Es ist wichtig, keine Zweifel darüber aufkommen zu lassen, was wir im Fall einer Aggression tun würden."

Einen NATO-Mitgliedschaft der Ukraine will Shea nicht ausschließen: "Es ist das Recht jedes Landes, einer Allianz beizutreten. Russland selbst hat diesem Prinzip mit der Unterzeichnung der Abschlusserklärung von Helsinki und anderer OSZE-Dokumente zugestimmt."

Russland habe zudem kein Recht, die Ukraine von ihrer Ausrichtung nach dem Westen abzuhalten: "Wenn sich Russland nicht integrieren will, ist das seine Sache. Wenn es andere mit Zwang daran hindert, ist das allerdings nicht akzeptabel", betont Shea im "profil"-Interview.

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