• 17.02.2015, 19:30:02
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Debalzewo als Waterloo“

Ausgabe vom 18. Februar 2015

Utl.: Ausgabe vom 18. Februar 2015 =

Wien (OTS) - Die heftigen Kämpfe im ostukrainischen
Verkehrsknotenpunkt Debalzewo zeigen, dass es in Minsk weder Russland
noch die Ukraine so ganz ernst gemeint haben. Die vom Kreml
unterstützten Separatisten brauchen den Ort, um eine direkte
Verbindung zwischen den beiden Gebieten um Donezk und Luhansk
herzustellen. Für die ukrainische Armee gibt es dort nichts mehr zu
gewinnen, trotzdem müssen sich tausende Soldaten unter Dauerbeschuss
tiefer eingraben.

Wladimir Putin wird also wohl auch hier seinen Willen durchsetzen,
genauso wie auf der Krim, über die ohnehin kein Politiker mehr
spricht.

Europa ist dabei in einer denkbar unkomfortablen Lage. Während
Russland und auch die USA ihre Interessen militärisch unterstützen,
will die EU den Konflikt am grünen Tisch lösen. Das ist sympathisch,
doch der Nimbus des Verlierers haftet auch daran. Und der Preis ist
hoch, die Ukraine wird daran zerbrechen. Bankrott ist sie schon.

Um die Waffen dort ruhen zu lassen, ist der Abzug der ukrainischen
Armee aus Debalzewo notwendig. Dies wäre das ultimative Eingeständnis
der Niederlage Kiews. Wenn aber das Blutvergießen kurzfristig
gestoppt werden muss, wird sich der Westen damit anfreunden müssen,
die Ukraine in der heutigen Form aufzugeben.

Doch was ist dann? Eine Verschärfung der Sanktionen gegen Russland
müsste die Folge sein. In Rumänien, Polen und den baltischen Staaten
würden stark ausgebaute Nato-Stützpunkte aufgebaut werden. In
Moldawien und Georgien könnte Russland eine der Ostukraine
vergleichbare Regelung verlangen.

Kalter Krieg, Teil zwei wäre die unweigerliche Folge, genannt wird er
derzeit Kalter Friede. Zu glauben, die USA würden dann ihre momentane
Zurückhaltung beibehalten, wäre naiv. Und die Vorstellung, Europa
könnte mit Äquidistanz weiterhin mit allen gute Geschäfte machen, ist
eine Illusion.

Wie immer es in der Ukraine ausgeht, Europa wird dabei verlieren. Es
kann - wie Angela Merkel und François Hollande - helfen, den Konflikt
zu dämpfen. Appeasement-Politik, also Beschwichtigung, hat sich
Aggressoren gegenüber nie als hilfreich erweisen, das zeigte die
Geschichte. Wie die EU nach Debalzewo reagiert, wird auch ihr
Schicksal entscheiden. Dagegen sind die griechischen Probleme
Peanuts.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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