- 04.02.2015, 21:15:34
- /
- OTS0197 OTW0197
Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Stur oder konsequent"
Ausgabe vom 5.2.2015
Utl.: Ausgabe vom 5.2.2015 =
Wien (OTS) - Das Papier der deutschen Bundesregierung, laut dem die
neue griechische Führung das existierende Sanierungsprogramm so
durchziehen soll, ist hoffentlich nur eine Extremposition vor Beginn
von Verhandlungen. Denn eigentlich kann es Berlin egal sein, ob Athen
150.000 Staatsbedienstete kündigt oder das Geld anderswo hereinbringt
oder spart. Hauptsache, die Ziele werden erfüllt.
Der neue Finanzminister Yanis Varoufakis sagte in einem Interview mit
der "Zeit", dass sein Land nie mehr Schulden machen wolle. Um das zu
erreichen, muss er allerdings - erraten - Kredite aufnehmen, um
abreifende Kredite damit begleichen zu können.
Die EU steht in den kommenden zwei Wochen vor einer interessanten
Frage: Gelten die Buchstaben von Vereinbarungen, oder gilt der Geist
dieser Vereinbarung? Sinn des Griechenland-Hilfspaketes war ja, die
Pleite des Landes zu verhindern und das Wachstum anzukurbeln.
Ersteres hat funktioniert, um einen hohen Preis.
Die schlimme Lage im Land hat politisch Syriza ganz nach oben
geschwappt, das sollten die europäischen Partner nicht vergessen.
Wachstum gibt es nur statistisch. Auch die Europäische Zentralbank
sollte es nicht vergessen, denn ein Scheitern Alexis Tsipras’ würde
wohl die griechischen Banken in die Pleite treiben, sie hätte dann
ein ungleich größeres Problem am Tisch.
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hält sich mit markigen
Sprüchen zurück. Von seinem politischen Selbstverständnis her ist er
wohl einer, der den Geist von Verträgen über detaillierte
Ausführungsbestimmungen stellt.
Um dieser griechischen Regierung dazu die Möglichkeit zu geben,
benötigt sie aber Zeit. Sie ist seit eineinhalb Wochen im Amt. Es
wäre also klug, die Finanzierung des Landes bis dahin zu ermöglichen,
egal welche Papiere Berlin verteilt.
Sturheit führt nirgendwo hin, vor allem aber hat sie nichts mit
Konsequenz zu tun. Wenn die neue griechische Regierung einen
Sanierungsplan vorlegt, der sinnvoll ist, muss er vorurteilsfrei
verhandelt werden.
Und das Festhalten an der in Griechenland verhassten Troika (EU, EZB,
Währungsfonds) hat ebenfalls wenig Sinn. Der EuGH-Generalanwalt hat
in seinem jüngsten Gutachten (vor der Griechenland-Wahl) genau diese
Troika in Frage gestellt, da die EZB mitwirkt. Es wird sie nicht mehr
lange geben, egal was Tsipras fordert.
"www.wienerzeitung.at/leitartikel"
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR