- 27.01.2015, 17:54:16
- /
- OTS0235 OTW0235
Ari Rath: Zukunft kann nur entstehen, wo man aus Vergangenheit lernt
Gespräch zum Internationalen Holocaust-Gedenktag im Parlament
Utl.: Gespräch zum Internationalen Holocaust-Gedenktag im Parlament =
Wien (PK) - "Nie hätte ich gedacht, im österreichischen Parlament
einmal ein solches Gespräch führen zu können", sagte ein tief
bewegter Ari Rath im Gespräch mit Moderator Michael Kerbler. Bei der
Gedenkveranstaltung im Sitzungssaal des österreichischen Nationalrat
anlässlich des Internationalen Holocaust-Gedenktages erörterten Rath
und Kerbler die schwierigen Fragen des Erinnerns, des Verzeihens und
der Verdrängung und welche Lehren aus der Vergangenheit für das Heute
gezogen werden können.
Er habe lange gezögert, die österreichische Staatsbürgerschaft wieder
anzunehmen, als ihm dieses Angebot gemacht wurde, berichtete Rath.
Grund dafür waren Erfahrungen, die sich tief eingeprägt hatten. Dazu
gehört etwa die große Begeisterung, mit der sich nach dem "Anschluss"
viele ÖsterreicherInnen daran machten, ihre jüdischen NachbarInnen
auszuplündern und zu demütigen. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe es
lange gedauert, bis Österreich bereit war, sich seiner Vergangenheit
zu stellen. Dazu bedurfte es erst der so genannten "Waldheim-Affäre",
stellte Rath fest. Er erinnerte in diesem Zusammenhang auch an einen
Satz, den Bundeskanzler Franz Vranitzky anlässlich seines Besuchs in
der Gedenkstätte Yad Vashem formuliert hatte: "Die Gefahr ist noch
nicht gebannt, wir müssen wachsam sein." Auch heute gebe es
politische Entwicklungen, die ihn mit Sorge erfüllen, stellte Rath
fest.
Es sei seine feste Überzeugung, dass man die Geschichte nicht
verdrängen dürfe. "Die Wurzeln der Zukunft liegen in der
Vergangenheit", zitierte Rath einen Freund, den amerikanischen
Reformrabbiner Herbert A. Friedman. Zukunft könne erst entstehen, wo
die Bereitschaft vorhanden ist, aus der Vergangenheit zu lernen.
Verzeihen sei eine schwierige Sache, wenn es um eigentlich
Unverzeihliches geht, darüber waren sich Rath und Kerbler einig. Sein
Zugang sei, dass man sich mit der nächsten Generation
auseinandersetzen müsse, denn hier stehe weniger das Verzeihen im
Mittelpunkt als der Versuch, neue Verbindungen zwischen Menschen
aufzubauen, sagte Rath.
Aufbruch ins Ungewisse im Jahr 1938
Im Rahmen der Gedenkveranstaltung hatten auch Jugendliche die
Gelegenheit, ihre Fragen an Ari Rath zu richten. Bernadette Höbart-
Schiessl, Christina Kroiß und Saraya Schwarzenecker, Schülerinnen der
BAKIP 7 Marta Salvatoris, interessierten sich dafür, wie Rath die
Zeit des Anschlusses und seine Auswanderung erlebt hat und wie ihm im
Vergleich dazu Wien heute erscheint.
1925 in Wien als Arnold Rath geboren, wuchs Ari Rath im Wiener
Alsergrund auf. Als Schüler war er schon vor 1938 dem Wiener Alltags-
Antisemitismus ausgesetzt. Schon 1934 ordnete der damalige
Unterrichtsminister Kurt Schuschnigg an, jüdische SchülerInnen nach
Möglichkeit in eigenen "Judenklassen" zusammenzufassen, erinnerte
sich Rath. Nach dem sogenannten "Anschluss" war es für ihn die
zentrale Erfahrung, "über Nacht vom Menschen zur Unperson geworden zu
sein" und als solche der Willkür und Verfolgung ausgesetzt. Dies
änderte die Haltung gegenüber dem Zionismus und Palästina völlig. Bis
1938 habe unter den Wiener Jüdinnen und Juden und damit auch in
seiner Familie die Haltung vorgeherrscht, dass "einem hier nichts
passieren könne."
Er und sein Bruder gelangten über einen Kindertransport nach
Palästina. "Es war keine geplante Reise, sondern ein Aufbruch ins
Ungewisse", erzählte Rath. Damals war er erst 13 Jahre alt. Er
schreibe es seinem starken Willen zu, dass er sich in den schwierigen
Verhältnisse im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina
zurechtfinden konnte. Auch dort waren die Verhältnisse alles andere
als friedlich. Italienische Bomberflugzeuge aus Rhodos konnten Haifa
und Tel Aviv erreichen, und die französischen Truppen in Libanon und
Syrien wurden anfänglich von Vichy-treuen Offizieren befehligt und
bildeten ebenfalls eine Gefahr.
Wenn er heute durch Wien, vor allem die ehemalige "Mazzesinsel", den
zweiten und zwanzigsten Bezirk, gehe, so sei das immer mit einem
gewissen Gefühl der Beklemmung verbunden, sagte Rath. Er fühle sich
immer "ein wenig wie auf einem Friedhof", denn die "Stadt ohne Juden"
sei Wirklichkeit geworden, wenn auch anders, als Hugo Bettauer sich
das vorgestellt habe. Das jüdische Leben Wiens, das es heute wieder
gebe, sei jedenfalls nicht vergleichbar mit dem, was es vor 1938 war.
Rath betonte, es falle ihm auch heute noch nicht leicht, über diese
Vergangenheit zu reden. Aber er sehe es als eine wichtige Aufgabe,
als Zeitzeuge für das Gespräch mit Jugendlichen zur Verfügung zu
stehen. So lange es ihm noch möglich sei, werde er diese übernehmen.
Die musikalische Gestaltung der Gedenkveranstaltung wurde von Ernst
Molden übernommen. (Schluss) sox
HINWEIS: Fotos von dieser Veranstaltung finden Sie im Fotoalbum auf
www.parlament.gv.at.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NPA