- 26.01.2015, 19:47:45
- /
- OTS0176 OTW0176
Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Putin reitet wieder"
Ausgabe vom 27. Jänner 2015
Utl.: Ausgabe vom 27. Jänner 2015 =
Wien (OTS) - Die aktuellen Kämpfe in der Ukraine zeigen sehr gut, wie
geschickt Wladimir Putin vorgeht. Es sind immer die anderen schuld,
Russland verteidigt seinen Worten nach nur seine legitimen
Interessen. Er lässt zwar die Aggression der Separatisten zu, die
ukrainische Städte bombardieren, erklärt aber im selben Atemzug, die
ukrainische Armee sei eine Legion der Nato. Dass dem
EU-Ratsvorsitzenden Donald Tusk der Kragen platzte, ist nicht
verwunderlich. Flehentlich wenden sich EU-Außenminister an Russland,
endlich Ruhe zu geben. Deutschland signalisiert, man wolle keine
neuen Sanktionen, die Putin flugs als "Erpressung" geißelt. Das ist
Chuzpe.
Der Mann im Kreml hat es offenkundig recht lustig mit der EU, die
gebetsmühlenartig von diplomatischen Lösungen spricht, während
Russland Truppen in ein fremdes Land entsendet. Denn Putin geht so
vor, wie es Geheimdienstexperten seit Herbst 2014 ankündigen: Je mehr
die Sanktionen und der niedrige Ölpreis schmerzen, desto aggressiver
tritt er auf.
Dass Putin dazwischen immer wieder versöhnliche Töne anschlägt, ist
Teil seiner Strategie.
Russland steht vor erheblichen finanziellen Problemen, doch Putin
erhöht die Rüstungsausgaben, als ob es kein Morgen gäbe.
Und genau dies ist das Problem. Was, wenn Putin tatsächlich nicht an
morgen denkt? Europas Großindustrie denkt an morgen und versucht sich
großteils als Putin-Versteher. Sinnlos.
In der europäischen Politik wächst die Überzeugung, dass es im Fall
der Ukraine keinen Kompromiss geben wird, wie in Minsk vereinbart.
Die feinen militärischen Nadelstiche Russlands an den tatsächlichen
Nato-Außengrenzen im Baltikum zeigen zusätzlich, wie unverfroren
Russlands Präsident zündelt.
Keine europäische Armee würde derart an der russischen Grenze
agieren, und trotzdem stellt sich Putin als David dar, der gegen
Goliath kämpfen muss. Nichts davon ist wahr, doch mittlerweile ist er
wohl selbst Opfer seiner Testosteron-Politik geworden. Er muss die
Ukraine als Beute nach Hause bringen, um in der russischen
Bevölkerung zu reüssieren. Eine Niederlage wäre sein politisches
Ende, dafür würden wohl die ohnehin schwer gebeutelten Oligarchen
sorgen. Also werden die EU-Sanktionen gegen Russland verschärft, die
Ukraine wird als "gescheiterter Staat" enden, und bis dahin werden
sehr viele Menschen sterben.
OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR






