- 23.01.2015, 19:30:32
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil "Griechenland ist Europa"
Ausgabe vom 24.Jänner 2015
Utl.: Utl.: Ausgabe vom 24.Jänner 2015 =
Wien (OTS) - Der Wahlgewinner in Griechenland wird Alexis Tsipras
heißen, die Frage ist nur, wie viel seine Linkspartei Syriza
dazugewinnt. Der Wahl wurde eine Bedeutung zugeschrieben, die sie -
bei allem Respekt vor den Griechen - nicht hat. Es war wieder einmal
eine Anmaßung der deutschen Politik, die laut über einen sogenannten
"Grexit" nachdachte, sollte Tsipras gewinnen. Denn er will einen
Schuldenschnitt Griechenlands. Das komme nicht in Frage, tönte es aus
Brüssel und den anderen europäischen Hauptstädten. Nun, den wird es
geben, die Frage ist bloß, wie der Schuldenschnitt organisiert wird.
320 Milliarden Euro Schulden, 180 Prozent der (stark geschrumpften)
Wirtschaftsleistung. Eine Arbeitslosenrate von 60 Prozent, die
Vernichtung des Mittelstandes durch die EU-Sparvorschriften. Das ist
Griechenland 2015.
Alexis Tsipras, auch wenn er radikale Töne anschlägt, nun zum
europäischen Gott-sei-bei-uns zu stilisieren, ist daher ein großer
Unsinn.
Viktor Orbán in Ungarn, Wahlerfolge von Marine Le Pen in Frankreich
und Nigel Farage in Großbritannien sind gefährlicher für die
politische Stabilität der EU als der Linkspopulist Tsipras. Er will
Zwangs-Delogierungen per Gesetz erschweren. Ungeheuerlich, tönt es
aus Brüssel. Leider war von derselben europäischen Politik wenig zu
sehen und zu hören, als reiche Griechen zweistellige
Milliardenbeträge ins Ausland verschoben und so den griechischen
Banken schweren Schaden zufügten.
Die EU-Länder haben Griechenland vor dem Staatsbankrott bewahrt, das
ist richtig. Sie haben damit aber auch europäische Großbanken, die
fleißig Geld an Griechenland verliehen hatten, gerettet. Das
griechische Sparpaket, das Ende Februar auslaufen könnte, hat dagegen
auf die soziale Dimension zu wenig Rücksicht genommen. Nun wird die
Rechnung präsentiert, in Form von Syriza.
Millionen Griechen werden sie am Sonntag wählen, obwohl sie weder
Kommunisten, geschweige denn Linksradikale sind. Es ist der Aufschrei
einer verzweifelten Bevölkerung, die nur noch Mangelverwaltung
betreiben kann.
Das Gerede um einen Euro-Austritt Griechenlands Anfang Jänner war
bloß ein Nachtreten auf einen am Boden Liegenden - unwürdig.
Europa ist nicht nur Ökonomie, sagte Italiens Regierungschef Renzi.
Das ist klug. Ab Montag kann die europäische Politik das auch
beweisen.
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