- 16.01.2015, 19:30:34
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Wiener Zeitung: Leitartikel von Reinhard Göweil: "Neue, alte Werte"
Ausgabe vom 17.1.2015
Utl.: Ausgabe vom 17.1.2015 =
Wien (OTS) - Ein gesellschaftliches Phänomen wird zur Herausforderung
für Europa: Sowohl am extrem linken als auch am extrem rechten Rand
feiern antimuslimische und antisemitische Strömungen gemeinsam
fröhliche Urständ█. Der Antisemitismus tarnt sich als
Kapitalismuskritik ("Ostküste", etc.). Islamhetze dagegen wird
camoufliert mit der Sorge um Sicherheit und mit Terrorangst.
Das führt dazu, dass islamische Gebetshäuser beschmiert und verwüstet
werden. Und es führt in Frankreich gerade dazu, dass viele Juden das
Land verlassen - aus berechtigter Furcht.
70 Jahre nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau
haben jüdische Mitbürger wieder Angst - und verlassen Europa.
Muslimische Asylsuchende aus Kriegsgebieten wie Syrien sind zwar
gerade gekommen, doch auch sie haben Angst. Der Mord an einem jungen
Afrikaner in Dresden zeigt, wie viele zivilisatorische Schranken
schon gefallen sind.
Das ist beschämend und Europa nicht würdig. Dringend benötigt würde
ein "Quantitative Easing" der Vernunft, Europa muss überschwemmt
werden mit der Überzeugung, dass die Menschenrechte unteilbar sind.
Wie Kollegin Bettina Figl in der Freitag-Ausgabe der "Wiener Zeitung"
richtig schrieb, braucht es an den Schulen einen Ethikunterricht, der
den Jugendlichen Respekt vermittelt. Es braucht Arbeitgeber, die beim
Vornamen Mohammed nicht reflexartig die Bewerbung ablehnen. Es
braucht eine Politik, die Versöhnung und Verständnis höher schätzt
als kurzfristige Vorteile versprechende Vorurteile. Es braucht auch
in den Gotteshäusern Priester, deren einzige Mission Nächstenliebe
ist.
Es braucht eine internationale Politik, die zum Beispiel auch den
Saudis klarmacht, dass öffentliche Enthauptungen nicht toleriert
werden und Sanktionen nach sich ziehen. Es braucht so viel, man weiß
gar nicht, wo zuerst beginnen. Egal womit, aber dieser Weg muss
beschritten werden. Europa kann nur bestehen, wenn es sich jener
Werte besinnt, die schaffen statt zerstören. Die deutsche Kanzlerin
Angela Merkel sagte, sie verstehe die Sorgen der
Pegida-Demonstranten, doch die Art und Weise der Demonstrationen sei
inakzeptabel. Das sollten alle sagen - und auch meinen. Nicht Gold
macht die Regeln, sondern die Menschenrechte. Es sind nicht
Geldschulden, die Europa in den Bankrott treiben können, sondern die
Akzeptanz zerstörerischer Ideen.
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