• 15.01.2015, 19:30:02
  • /
  • OTS0241 OTW0241

Wiener Zeitung – Leitartikel von Walter Hämmerle: „Schweizer Selbstvertrauen"

Ausgabe vom 16. Jänner 2015

Utl.: Ausgabe vom 16. Jänner 2015 =

Wien (OTS) - Der Druck muss enorm geworden sein. Ansonsten hätte sich
die Schweizer Notenbank am Donnerstag kaum zu diesem radikalen
Schritt entschlossen. Die Aufgabe des Euro-Mindestkurses verlangt der
Schweiz einen hohen Preis ab.

Dabei hatte die SNB gar keine andere Möglichkeit, als alle zu
überrumpeln. Andeutungen im Vorhinein hätten die Devisenspekulanten
angestachelt, die Belastungsgrenzen der eidgenössischen Währungshüter
auszutesten. Die Entscheidung, die Bindung des Franken an den Euro
ohne Vorwarnung aufzuheben, löste deshalb ein Erdbeben auf den
internationalen Devisenmärkten aus. Vorübergehend sackte der Euro zum
Franken um bis zu 30 Prozent ab, zum Dollar stürzte er auf das
tiefste Niveau seit 2003.

Mit diesem Schritt sagt sich die Schweiz währungs- und
wirtschaftspolitisch von der Eurozone los. Das ist keine geringe
Entscheidung, wenn man bedenkt, dass die Eidgenossen von Euroländern
umgeben sind und die Hälfte ihrer Exporte in diesen Raum liefern.
Über Nacht wurde dem Tourismus - zur Freude Vorarlbergs und Tirols -
und Export ein Schlag in die Magengrube versetzt. Das wird
Arbeitsplätze kosten, womöglich droht sogar eine Rezession. Und teuer
wird es auch für alle, die Franken-Kredite halten, aber Euro, Forint
oder Zloty verdienen.

Um die Tragweite dieser Entscheidung der Schweizer Notenbank zu
erfassen, muss man jedoch den Blick über die rein wirtschaftlichen
Konsequenzen hinaus richten. Die Schweizer ziehen damit für sich die
Konsequenz aus dem Umstand, dass die Eurozone nicht und nicht aus dem
Jammertal herausfindet und sich einzig und allein auf die Europäische
Zentralbank verlässt, den Karren wieder flottzumachen. Angesichts der
fortgesetzten Politik des billigen Geldes von EZB-Chef Mario Draghi
hat die SNB nun die Reißleine gezogen. Vor die Entscheidung gestellt,
sich weiterhin an das Schicksal der Eurozone zu binden oder aber
wieder zu einer eigenständigen Währungspolitik zurückzukehren, hat
sich die Schweiz gegen den Euro entschieden. Die damit verbunden
Härten nimmt die SNB sehenden Auges in Kauf, weil sie von der
wirtschaftlichen Stärke der Schweizer Wirtschaft überzeugt ist. Das
zeugt von Selbstvertrauen. In der Eurozone ist es umgekehrt. Und das
sollte uns Europäern zu denken geben. Auch Draghis Arsenal an
Wunderwaffen wird einmal aufgebraucht sein. Und dann wird es wirklich
spannend.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | PWR

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel