- 09.01.2015, 18:09:01
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OÖNachrichten-Leitartikel: "Ich und der Islam, Kopf gegen Bauch", von Gerald Mandlbauer
Ausgabe vom 10. Jänner 2015
Utl.: Ausgabe vom 10. Jänner 2015 =
Linz (OTS) - Schlecht gelaunte Rentner, nörgelnde Nachbarn,
zunehmende Distanz zwischen Bürger und Politik, Unbehagen überall,
mit diesen Klischees wird eine allgemeine Verdrossenheit beschrieben,
die in der Luft liegt, messbar an den zu Jahresbeginn erhobenen
Umfragen: In diesen hat der Pessimismus klar die Oberhand.
Und darüber sollte hier und heute eigentlich geschrieben werden.
Besser darüber, dass wir mehr Optimisten brauchen. Doch der Terror in
Paris zwingt zu einer anderen Tonlage, auch wenn es im Ergebnis auf
dasselbe hinausläuft. Mainstream heute ist das Gefühl, dass Ordnungen
und Sicherheiten durcheinander geraten, dass unser Leben aus
hunderten von Baustellen besteht, dass Werte und Wohlstand bedroht
sind. Dieses Empfinden hat durch den radikalislamistischen Terror
zusätzliche Nahrung erhalten, denn Paris liegt mitten unter uns,
Distanzen gibt es keine mehr in dieser neuen Welt.
Eine wohltuende Ausnahme in diesem grauen Meinungsbild sind die
Jüngeren. Sie sind mehrheitlich optimistischer. Aus ihrem Reservoir,
das jede Gesellschaft zur Erneuerung braucht, müssen sich die
Tatkräftigen speisen, die Ermunterer und Pioniere, also jene, die den
Laden treiben, die sich über Turbulenzen und Hürden hinwegsetzen und
die Zukunft als Möglichkeit verstehen und nicht als Bedrohung.
Doch diese positive Erwartung hat es nicht leicht, erst recht nicht
nach dieser Woche. Zwar wissen wir auf der Verstandesebene auch in
dieser Frage des Terrors noch gut zu trennen zwischen gewaltbereitem
Islam und der überwältigenden Masse der gemäßigten Muslime. Ebenso
sagt uns der Verstand, dass zwischen IS-Kriegern und den von ihnen
gejagten Syrern, die den Westen als Flüchtlinge überschwemmen, doch
eine Unterscheidung gemacht werden muss. Trotzdem findet die
Verallgemeinerung statt. Denn der Bauch als Sitz unserer Emotionen
ist stärker. Tief in vielen von uns schlummert das als Bedrohung
empfundene Gefühl, dass unsere westliche Ordnung und der Islam auf
einen endgültigen Konflikt zulaufen, den der Westen mit seinen
Prinzipien nicht gewinnen kann. Es geht dabei nicht mehr um eine
Auseinandersetzung zwischen Staaten, auch nicht um den Kampf von
Kulturen oder Religionen, sondern um das Aufeinanderprallen von
öffentlich ausgebreiteten Emotionen, angeheizt von radikalen Gruppen.
Folge davon wird sein, dass sich die Gesellschaft radikalisiert. Nach
dieser Woche ist es schwerer geworden, aber trotzdem notwendig, den
Leuten zuzurufen und zu sagen: Schaltet euren Verstand ein! So weit
muss es nicht kommen. Bleibt nüchtern, wägt ab, bauscht die Dinge
nicht auch noch verantwortungslos auf!
Doch Gefühle und Stimmungen sind mächtig. Mögen zwar Grenzen
verschwunden, die Welt kleiner geworden sein, so sind doch unsere
Instinkte dieselben geblieben. Das Andere, das Fremde, das
Nichtgewohnte, es bleibt uns weiterhin fremd. Auch sind wir
klischee-gesteuert, weil Stereotype es uns in einer komplizierter
gewordenen Welt erleichtern, die Übersicht zu bewahren: der gute
Christ, der böse Muslim, der gierige Hedgefonds-Manager, der unfähige
Politiker, die faulen Südländer, die stehlenden Ost-Banden. Diese
Schwarz-Weiß-Modelle reduzieren die übergroße Komplexität des
modernen Lebens. Selbst wenn wir wissen, dass diese Vereinfachungen
falsch sind, weil sie die individuellen Unterschiede in allen diesen
Gruppen ignorieren, so entfalten sie doch ihre Wirkung, bei vielen
von uns.
So entsteht der ideale Humus für Gerüchte, Wahnvorstellungen und
Verschwörungen. Das Verschweigen und Tabuisieren der
Migrationsprobleme - ein kleiner innerösterreichischer Exkurs - hat
das Seine zu dieser Stimmung beigetragen. Wir haben die mit dem Islam
verbundenen Probleme zu lange kleingeredet. Denn Ängste und
Schwierigkeiten kann nur bezwingen, wer sie auch als solche benennt
und wer sich mit dem Anderen und dem Fremden intensiv
auseinandersetzt.
Klischees können gebrochen werden, am besten durch noch stärkere,
positive Emotionen. Der Schwiegervater, dem ein syrischer Arzt mit
einer Operation am Herzen das Leben gerettet hat, hat eine solche
elementare Grunderfahrung gemacht, die ihn vieles in einem anderen
Licht erkennen lässt.
Wertschätzung und Verständnis reifen allerdings nicht in
Einbahnstraßen, es kann nicht die Rolle des Westens in diesem
Konflikt mit dem Islam sein, das Toleranzpatent exklusiv zu
vertreten. Zum Aufeinanderzugehen gehören immer noch zwei. Und auf
lange Sicht wird kein Weg daran vorbeiführen, die islamischen
Gesellschaften zu demokratisieren. Dies auf die absehbare Gefahr hin,
dass es dadurch erst einmal noch unruhiger und unüberschaubarer
werden könnte. Trotzdem leben wir hier und heute noch immer in der
besten aller Welten.
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