- 07.01.2015, 19:30:02
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Wir sind 'Charlie Hebdo'“
Ausgabe vom 8. Jänner 2015
Utl.: Ausgabe vom 8. Jänner 2015 =
Wien (OTS) - Toleranz hat eine gern übersehene Eigenschaft: Sie hat
Grenzen. Das Massaker in den Redaktionsräumen der französischen
Zeitschrift "Charlie Hebdo" zeigt diese Grenze. Das wöchentliche
Magazin hat gerne, klug und ausgiebig provoziert. Die Mörder kannten
das Sonderheft "Charia Hebdo", das sich kritisch mit Radikalen
auseinandersetzte, die den Islam missbrauchen. Das brachte der
Redaktion bereits 2011 einen Brandanschlag ein.
Nun gab es einen geplanten und gezielten Anschlag. Es ist nicht nur
ein Blutbad, angerichtet unter unschuldigen Menschen, es ist ein
Angriff auf Europas Werte. Meinungsfreiheit ist ein besonders hoher
Wert, und genau gegen diese Meinungsfreiheit ging es wohl dabei.
Keine Zeitungsredaktion Europas, aber auch keine Regierung und kein
Parlament kann sich dies gefallen lassen. Auch Vorsicht im Umgang mit
islamischen Themen wäre verfehlt.
Es sind nun die islamischen Glaubensgemeinschaften aufgerufen, sich
deutlich zu artikulieren. Es war immerhin deren französischer
Dachverband, der 2006 die Zeitschrift klagte, weil sie Karikaturen
über Muslime veröffentlicht hatte. Die Klage wurde abgewiesen, zeigt
aber, dass auch Glaubensgemeinschaften in Sachen Toleranz einiges
dazulernen müssen.
In einer säkularen Gesellschaft stehen eben auch religiöse Themen in
der Kritik. Satire ist eine Form dieser Kritik.
Darauf mit Kalaschnikows zu antworten, ist nicht nur abscheulich, es
ist zutiefst anti-religiös. Das sollten die islamischen
Glaubensgemeinschaften deutlich sagen. Es ist der schwerste
Terroranschlag, den es jemals in Frankreich gegeben hat, und es ist
ein schwerer Anschlag auf die Pressefreiheit.
Europa kann nur darauf reagieren, indem möglichst alle Zeitungen
Karikaturen der Zeitschrift veröffentlichen. Vor den feigen Mördern
Angst zu zeigen, wäre falsch - auch "Charlie Hebdo" gegenüber. Denn
die Wochenzeitschrift setzt sich provokant nicht nur mit dem Islam,
sondern auch mit allen anderen Religionen auseinander.
Viele Kollegen der Wochenzeitschrift sind tot, doch es muss möglich
sein, dass sie ihre Arbeit fortsetzt. Der erste Teil des
Zeitungstitels stammt von der Comicfigur "Charlie Brown". Und der
sagte einmal: "Never forget, you’re someone special." Er gilt für
"Charlie Hebdo", vor allem für deren Opfer.
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