OÖNachrichten-Leitartikel: "Geschlossen gegen religiösen Extremismus", von Peter Grubmüller

Ausgabe vom 8. Jänner 2015

Linz (OTS) - Der schreckliche Terroranschlag auf Journalisten der französischen Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo" hat das Potenzial, fehlgeleitete Bewegungen wie "Pegida" (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) weiter anzuheizen. Im ersten Reflex ist diese Reaktion plausibel, aber sie teilt eine Gesellschaft, die stattdessen geschlossen begreifen muss, dass es jetzt um wichtigere Fragen, als um zu viele Frauen mit Kopftüchern geht. Bei der Wahnsinnstat von Paris haben Fanatiker nicht nur auf Menschen gefeuert - zwölf davon sind tot -, sondern auch auf eines der wichtigsten Menschenrechte überhaupt: das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung.
Der literarische Provokateur Michel Houellebecq hatte die Fronten mit dem gestrigen Erscheinen seines Romans "Unterwerfung" verschärft. In seinem Buch gehört Frankreichs Präsident im Jahr 2022 der "Partei Muslimischer Brüderlichkeit" an. Zum Skandal hat es der Verlag bereits vor Wochen ausgerufen, indem er den Stoff nach üblichen Mechanismen der Vermarktung zur Geheimsache erklärt hatte. Natürlich gelangte die Inhaltsangabe ans Licht - und die ebenfalls gestern veröffentlichte Ausgabe von "Charlie Hebdo" trägt Houellebecqs gezeichnetes Gesicht auf dem Cover. Der Plan scheint auf katastrophale Weise aufgegangen zu sein.
Marketingstrategien dieser Art sind keine Geschmacksfrage, sie sind so skrupellos, wie ihre vorgetragenen Motive zur Förderung der Aufklärung dumm sind. Dabei soll hier nicht völlig unangebrachter Respekt für religiös Wahnsinnige eingefordert werden, die hinlänglich bewiesen haben, dass ihnen jede Achtung gegenüber Andersdenkenden fehlt. Hätten mutige Aufklärer einst Rücksicht auf religiöse Gefühle genommen, würden bei uns noch immer Scheiterhaufen brennen. Es geht vielmehr um eine kluge Strategie zur systematischen Desensibilisierung. Es bedarf einer von europäischen Politikern einheitlich getragenen Überzeugung, dass unter anderem Religionskritik und Glaubenssatire maßgebliche Bestandteile von Demokratien sind. Nur mit europäischer Geschlossenheit ist ein Bewusstsein zu erreichen, dass es abscheulich und sinnlos ist, wegen einer Zeichnung oder wegen eines Textes in die Luft zu gehen - oder schlimmer: andere in die Luft zu sprengen. Wenn sich Regierungschefs wie bisher für Mohammed-Karikaturen entschuldigen, dann verwechseln sie Opfer und Täter.

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