- 06.01.2015, 19:30:02
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Reinhard Göweil: „Grexit“
Ausgabe vom 7. Jänner 2015
Utl.: Ausgabe vom 7. Jänner 2015 =
Wien (OTS) - Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone - "Grexit"
genannt - sei möglich, ließ die deutsche Regierung via "Spiegel"
durchsickern. Das zeigt, dass die Regierung in Berlin eine
Europa-Strategie hat, wahrer wird der Satz dadurch allerdings nicht.
Ein Austritt Griechenlands aus dem Euro hat immer noch unbekannte
Faktoren, die ökonomisch schwer einzuschätzen sind.
Der Euro ging im Vergleich zum Dollar allerdings deutlich zurück, das
ist gut für die deutsche Exportindustrie. Vor allem aber richtet sich
der Satz wohl an die griechische Bevölkerung, die am 25. Jänner
wählt. Die Griechen wollen unbedingt den Euro behalten, und die
Drohung mit "Rauswurf" ist wohl eher eine indirekte Aufforderung, die
Linkspartei Syriza nicht allzu stark werden zu lassen.
Das ist ein neues politisches Phänomen, das die Europäische Union in
den kommenden Jahren oft sehen wird. Die 28 Länder sind mittlerweile
so stark miteinander verwoben, dass etwa der Wahlsieg einer Partei,
die EU-Vereinbarungen sistieren oder schlicht ignorieren möchte, das
Gesamtkonzept durcheinanderbringt. So wie in Österreich bei
Landtagswahlen immer auch die Bundespolitik mitmischt, ist es auch in
der Europäischen Union so, dass bei nationalen Wahlen die europäische
Komponente immer stärker wird.
Wenn nun der Linkspolitiker Alexis Tsipras im Falle eines Wahlsiegs
das Einsparungspaket versenken sollte wie seinerzeit die griechische
Flotte die Perser, so wäre dies das Ende der europäischen
Solidargemeinschaft. Fiskalpakt, Budgetkontrolle und Bankenunion
wären nichts mehr wert, wenn eine neu gewählte nationale Regierung
tun könnte, was ihr gerade gefällt.
Dass Deutschland nun den Griechen diesen Schuss vor den Bug setzt,
wird das Wahlergebnis beeinflussen, und genau das ist beabsichtigt.
Es wäre allerdings von großem Vorteil, wenn EU-Kommissionspräsident
Jean-Claude Juncker ebenfalls politisch aktiv würde. Ansonsten könnte
sich der Eindruck festsetzen, dass im Jahr 2015 Berlin die Hauptstadt
Europas geworden ist. Das allerdings würde die Unionsbemühungen
Europas stärker beeinträchtigen als säumige Griechen.
Nur wenn sich Deutschland stärker zurückhält, wird Europa in den
Vordergrund gestellt. Denn so beliebt, wie die jüngsten Umfragen
zeigen, sind die Deutschen in Europa noch lange nicht.
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