- 02.01.2015, 19:30:02
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Wiener Zeitung – Leitartikel von Thomas Seifert: „Die Seelenverkäufer“
Ausgabe vom 3. Jänner 2015
Utl.: Ausgabe vom 3. Jänner 2015 =
Wien (OTS) - Es ist der neueste Trend der Menschenschmuggler:
Menschen in einen Schrottkahn pferchen, das Schiff per Autopilot auf
Kurs Richtung italienische Küste bringen und dann schnellstmöglich
von Bord des Seelenverkäufers gehen und die Passagiere ihrem
Schicksal überlassen. So geschehen am 31. Dezember, als die "Blue Sky
M" mit rund 800 Flüchtlingen an Bord von der italienischen
Küstenwache in den Hafen von Gallipoli gebracht wurde, nachdem die
Crew das Schiff auf Autopilot geschaltet und verlassen hatte. Und so
geschehen am 2. Jänner, als die "Ezadeen" mit rund 450 Flüchtlingen
an Bord von der italienischen Küstenwache unter Kontrolle gebracht
wurde, nachdem das Schiff führerlos ohne Kapitän und Crew meilenweit
durchs Mittelmeer geschippert war.
Man kann sich die Verzweiflung von Menschen nur schwer vorstellen,
die alles auf eine Karte setzen, tausende Euro oder Dollar an
Schlepper bezahlen und ihr Leben riskieren, um bei der Fahrt auf
einem Geisterschiff ihrem Flüchtlingsschicksal im Libanon oder
Jordanien zu entrinnen und ins gelobte Land EU zu gelangen.
Und den Zynismus der Menschenschmuggler kann man ohnehin nicht
nachvollziehen, die einfach von Bord des Flüchtlingsschiffs gehen und
den Tod von hunderten Menschen riskieren.
Italien fühlt sich von seinen EU-Partnern recht alleine gelassen und
hat das Neun-Millionen-Euro-Programm "Mare Nostrum" zur Rettung
schiffbrüchiger oder auf hoher See treibender Flüchtlinge
eingestellt. Ersetzt wurde es durch die bescheidenere Operation
"Triton" der EU-Grenzüberwachung Frontex.
Europa gibt in der Causa eine traurige Figur ab: Kein EU-Land will
die Flüchtlinge wirklich haben, es wird darum gestritten, welches
Land gnädigerweise ein paar hundert Kriegsflüchtlinge aufnimmt. Auf
hoher See gerettet werden diese Menschen auch nur widerwillig. Und
schließlich lässt Europa zu, dass Russland und der Iran, die Türkei,
die USA und einige Golfstaaten in Syrien und im Irak Kämpfer
beziehungsweise das Assad-Regime so weit ausrüsten und finanzieren,
dass das Morden und Sterben weitergehen kann. Eine kohärente Syrien-
und Irak-Politik der EU gibt es nicht. Würden die europäischen
Staatenlenker einen Blick auf die Landkarte werfen, dann würden sie
bemerken, dass es von der syrischen Küste zum EU-Mitglied Zypern nur
etwas mehr als 150 Kilometer sind.
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