Die Zeit der Kutschen in der City ist vorbei

Der schreckliche Unfall rund um ein junges Fiakerpferd am Mittwoch zeigt einmal mehr: Fiaker haben heutzutage in der Wiener Innenstadt nichts mehr verloren.

Vösendorf (OTS) - Der tragische Vorfall von Mittwochnachmittag beweist - Pferde sollten nicht in Ballungszentren leben müssen. Gegen 16 Uhr entkam ein junges Fiakerpferd aus einem Übungsgelände in Wien Leopoldstadt, irrte auf dem Handelskai umher und kollidierte dabei mit mehreren Fahrzeugen. Neun Polizeifahrzeuge waren notwendig, um das schwer verletzte und verstörte Tier einzufangen. Zum aktuellen Zeitpunkt ist noch immer unklar, ob das Tier überleben wird oder von seinen Qualen erlöst werden muss.

Pferde auf die Koppel und nicht auf den Stephansplatz

Durch diesen traurigen Unfall sieht sich der Wiener Tierschutzverein (WTV), der sich seit Jahren für ein Verbot von Fiakern in der Wiener Innenstadt stark macht, erneut bestätigt. "Dieses dramatische Ereignis zeigt ganz klar, dass die Zeit der Kutschen in der Wiener City vorbei ist. Sie sind ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten", sagt WTV-Präsidentin Madeleine Petrovic. Abgesehen davon, dass Pferdekutschen das romantische Flair des 18. Jahrhunderts längst verloren haben, sind die Bedingungen in modernen Großstädten wie Wien für Pferde längst nicht mehr zumutbar. Denn ein Fiakerpferd im "Dienst" zu sein ist wahrlich kein Vergnügen: Starkes Verkehrsaufkommen, Abgase, Smog oder Lärm sind nur einige tierschutzrelevante Probleme, die Stress, Panik, Verletzungen und nicht arttypisches Verhalten bei Reittieren auslösen können.

Hinzu kommen Bewegungseinschränkungen durch das ständige Tragen von Geschirr während der Stehzeiten, Gelenksverletzungen vom Laufen auf Straßenasphalt, psychische Belastungen durch das Tragen von Maulkörben oder stundenlanges Warten auf den nächsten Fahrgast in der brütenden Hitze im Sommer. Damit die Tiere all diese Belastungen und Sinnesreize überhaupt aushalten, wird auch zu Beruhigungsmitteln gegriffen, welche die Tiere gefügig machen sollen. In der "Freizeit" ist die Umgebung meist nicht angenehmer: Pferde sind Steppen- und Fluchttiere und benötigen ausreichend Auslauf. Dieser ist in vielen Fiakerbetrieben in der Stadt ebenso nicht gegeben, wie die Unterbringung in geeigneten Stallungen. Häufig handelt es sich dabei um Kellerstallungen mit zu wenig Licht - besonders in den Wintermonaten ein Problem. "Die Missstände rund um den Einsatz von Fiakern werden trotz minimaler Verbesserungen bei den Stellplätzen immer schlimmer. Außerdem findet durch die Aufgabe der Konzessionslimitierungen ein extremer Verdrängungswettbewerb statt, der letztlich auf dem Rücken der Pferde ausgetragen wird", erklärt Petrovic. Bis zum EU-Beitritt waren Fiaker-Konzessionen in Österreich zahlenmäßig limitiert. Seit damals gilt EU-Recht und somit die Dienstleistungsfreiheit. Das bedeutet: Jeder, der die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt, darf einen Fiaker fahren.

Nach einer Saison in die Salami

Zudem muss die Herkunft der Pferde, die sich auf den Straßen Wiens als Fiaker verdingen müssen, kritisch hinterfragt werden. "Viele dieser Tiere werden billigst in Rumänien gekauft, wo sie vorher mit Brachialmethoden trainiert und gefügig gemacht wurden. Nach einer stressigen Saison als Fiakerpferd ist die letzte Station dieser gepeinigten Tiere dann oft eine Salamifabrik in Italien", so Petrovic. Daher appelliert die WTV-Präsidentin nicht nur an alle Wiener, sondern auch an die Touristen: "Wenn bei einem Wien-Besuch ein imperiales Erlebnis gewünscht wird, wäre ein Besuch im Lainzer Tiergarten oder der Prater Hauptalle geeigneter als eine Fiaker-Fahrt".

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