Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Europas Seele"

Ausgabe vom 26. November 2014

Wien (OTS) - Der Papst hat gewarnt, dass Europa "seine Seele zu verlieren droht". Das ist nur insofern tröstlich, als er damit Europa eine Seele zuspricht, nach der viele suchen. Nationen haben Seelen entwickelt, ein Österreicher fühlt sich in Deutschland als Österreicher - und nicht als Europäer. Anders dagegen in Übersee. In Washington, Kapstadt oder Hongkong können sich Österreicher und Deutsche beide als Europäer fühlen. Denn dort wird die Geschichte Europas nicht national definiert, sondern als das furchtbare Ringen des lange Zeit tonangebenden Kontinents.

Europa selbst hat sich zuletzt darauf beschränkt, an die Stelle einer Identität Verwaltungsstellen zu setzen. Doch mit der Generaldirektion Wettbewerb der EU-Kommission kann sich niemand identifizieren. Auch die Bundeswettbewerbsbehörde in Österreich wäre kein Identifikationsmerkmal. Sie ist bloß nützlich.

Der Papst sprach von Menschenwürde, deren Grundlage die Menschenrechte sind. Dahinter stecken Religionen und europäische Philosophen, von Epikur bis zur Postmoderne. Auf ihren Ideen ruht Europa, und die europäische Kunst hat sich an ihnen über Jahrhunderte abgearbeitet und tut es bis heute.

Die Verwalter Europas dagegen meinen, ein ausgeglichenes Budget oder ein bestimmtes Inflationsziel seien Werte. Das sind sie nicht. Das sind bloß seelenlose Konstrukte, die jenes Vakuum füllen, das der Papst angesprochen hat.

Vor allem die Jüngeren aber suchen nach einer europäischen Seele. Beethoven ist europäisch, der neue Präsident des Europäischen Rates, Donald Tusk, ist es nicht. Der Philosoph der Aufklärung, David Hume, ist europäisch, EU-Kommissions-Vize Timmermans ist es nicht.

Europa (über die heutige EU hinaus) benötigt aber diese Seele, um zu überleben. Straffe Obergrenzen beim Budgetdefizit werden Europa nicht retten, selbst wenn sie eingehalten werden. Putin beispielsweise argumentiert mit purer Emotion, ein bürokratisch austarierter Sanktionen-Katalog ist als Antwort darauf chancenlos.

Europas Bürger verlangen Freiheit, Chancengleichheit und Menschenwürde.

Das sind die wahren Maastricht-Kriterien, nicht irgendwelche Zahlen. Ohne diese Erkenntnis wird die EU irgendwann als seelenloses Gebilde eine Bemerkung in den Geschichtsbüchern bleiben. Der Papst hat im Europa-Parlament gesprochen, nun sollte er gehört werden.

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