• 25.11.2014, 19:30:32
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Europas Seele"

Ausgabe vom 26. November 2014

Utl.: Ausgabe vom 26. November 2014 =

Wien (OTS) - Der Papst hat gewarnt, dass Europa "seine Seele zu
verlieren droht". Das ist nur insofern tröstlich, als er damit Europa
eine Seele zuspricht, nach der viele suchen. Nationen haben Seelen
entwickelt, ein Österreicher fühlt sich in Deutschland als
Österreicher - und nicht als Europäer. Anders dagegen in Übersee. In
Washington, Kapstadt oder Hongkong können sich Österreicher und
Deutsche beide als Europäer fühlen. Denn dort wird die Geschichte
Europas nicht national definiert, sondern als das furchtbare Ringen
des lange Zeit tonangebenden Kontinents.

Europa selbst hat sich zuletzt darauf beschränkt, an die Stelle einer
Identität Verwaltungsstellen zu setzen. Doch mit der Generaldirektion
Wettbewerb der EU-Kommission kann sich niemand identifizieren. Auch
die Bundeswettbewerbsbehörde in Österreich wäre kein
Identifikationsmerkmal. Sie ist bloß nützlich.

Der Papst sprach von Menschenwürde, deren Grundlage die
Menschenrechte sind. Dahinter stecken Religionen und europäische
Philosophen, von Epikur bis zur Postmoderne. Auf ihren Ideen ruht
Europa, und die europäische Kunst hat sich an ihnen über Jahrhunderte
abgearbeitet und tut es bis heute.

Die Verwalter Europas dagegen meinen, ein ausgeglichenes Budget oder
ein bestimmtes Inflationsziel seien Werte. Das sind sie nicht. Das
sind bloß seelenlose Konstrukte, die jenes Vakuum füllen, das der
Papst angesprochen hat.

Vor allem die Jüngeren aber suchen nach einer europäischen Seele.
Beethoven ist europäisch, der neue Präsident des Europäischen Rates,
Donald Tusk, ist es nicht. Der Philosoph der Aufklärung, David Hume,
ist europäisch, EU-Kommissions-Vize Timmermans ist es nicht.

Europa (über die heutige EU hinaus) benötigt aber diese Seele, um zu
überleben. Straffe Obergrenzen beim Budgetdefizit werden Europa nicht
retten, selbst wenn sie eingehalten werden. Putin beispielsweise
argumentiert mit purer Emotion, ein bürokratisch austarierter
Sanktionen-Katalog ist als Antwort darauf chancenlos.

Europas Bürger verlangen Freiheit, Chancengleichheit und
Menschenwürde.

Das sind die wahren Maastricht-Kriterien, nicht irgendwelche Zahlen.
Ohne diese Erkenntnis wird die EU irgendwann als seelenloses Gebilde
eine Bemerkung in den Geschichtsbüchern bleiben. Der Papst hat im
Europa-Parlament gesprochen, nun sollte er gehört werden.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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