TIROLER TAGESZEITUNG, Leitartikel: "Fatales Signal an alle Sparer", von Max Strozzi

Ausgabe vom 24. November 2014

Innsbruck (OTS) - Auch wenn die Bankenbranche Strafzinsen für Privatkunden ausschließt: Dass deutsche Großbanken die Negativzinsen der EZB an ihre Großkunden weitergeben, ist ein gefährlicher Schritt. Und wirft zudem Schatten auf den Kurs der EZB.

Banken sollen ihr Geld nicht bei der Europäischen Zentralbank bunkern, sondern Kredite vergeben und damit Investitionen und Wirtschaft ankurbeln. Dieses Ziel hatte die EZB ausgegeben, als sie im vergangenen Juni ein Tabu brach und seither Strafgelder von Banken verlangt, die Geld bei ihr parken. Zunächst waren es 0,1 Prozent, im September erhöhten die Währungshüter den Strafzins auf 0,2 Prozent. Relativ rasch werden nun die Folgen dieses Masterplans sichtbar. Als erstes Geldhaus reichte die kleine deutsche Skatbank die Strafzinsen der EZB weiter und verlangt nun ihrerseits Strafzinsen von reichen Sparern. Nachdem mit der Commerzbank jüngst ein europäisches Schwergewicht dem Beispiel gefolgt ist und ebenfalls die Strafgebühr der EZB an große Firmenkunden weiterreicht, bekommt die Debatte aber eine ganz andere Dimension. Zumal auch weitere deutsche Geldhäuser wie die genossenschaftliche WGZ-Bank Strafzinsen für Großsparer angekündigt haben und auch die Deutsche Bank Selbiges nicht ausschließt.
Derzeit treffen die Strafzahlungen zwar "nur" Großkunden, dennoch sendet die Branche mit ihrem Negativzins auch an die ohnehin durch Minizinsen bereits gebeutelten Kleinsparer ein fatales Signal: Wer sein Geld zur Bank trägt, wird künftig womöglich sogar mit Gebühren rechnen müssen, statt Zinsen zu kassieren. Solche Denkmuster können für sich alleine bereits gefährlich sein.
Das Vertrauen in das Bankensystem und das Image der Bankenbranche sind ohnehin bereits am Tiefpunkt. Steuermilliarden wurden auf jede erdenkliche Art und Weise in Bankkonzerne gepumpt, um Geldhäuser und ganze Staaten vor dem Kollaps zu retten. Im Gegenzug wird das Geld am Sparbuch immer weniger wert, nachdem Minizinsen mit dem Argument durchgedrückt wurden, Kredite und Investitionen und damit die Wirtschaft anzukurbeln. Was im Lehrbuch gelten mag, besteht aber nicht immer den Praxistest. Der Erfolg des EZB-Plans hält sich in Europa jedenfalls stark in Grenzen, wenn man sich vor Augen führt, dass mittlerweile selbst die Wachstumslok Deutschland an der Rezession kratzt. Und nun stellt man mit Strafzinsen die Logik des gesamten Bankensystems auf den Kopf. Für Privatkunden gelten solche Negativzinsen bisher zwar als Tabu. Dennoch dürften sich viele fragen, ob und wie lange das wirklich so bleiben wird - alleine als Gedankenspiel birgt das großen Sprengstoff.

Rückfragen & Kontakt:

Tiroler Tageszeitung, Chefredaktion , Tel.: 05 04 03 DW 610

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS | PTT0001