- 19.11.2014, 11:15:04
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Vorsorgen statt sich sorgen
ExpertInnengruppe des Beirats HPCPH von Hospiz Österreich präsentiert Vorsorgedialog für österreichische Alten- und Pflegeheime

Utl.: ExpertInnengruppe des Beirats HPCPH von Hospiz Österreich
präsentiert Vorsorgedialog für österreichische Alten- und
Pflegeheime =
Wien (OTS) - In Österreich werden derzeit fast 72.000 Menschen in
rund 800 Heimen gepflegt und betreut. "In 83 dieser Heime wurde in
den letzten Jahren Hospizkultur und Palliative Care im Projekt
Hospizkultur und Palliative Care im Pflegeheim (HPCPH) des
Dachverbandes Hospiz Österreich integriert. In nahezu allen
Pflegeheimen kam eine spezielle Problematik zum Vorschein, auf die
der Beirat zum Projekt reagierte und gemeinsam mit ExpertInnen den
Vorsorgedialog als Antwort und Angebot für alle Heime Österreichs
entwickelte.", stellt Karl Bitschnau, Vizepräsident Dachverband
Hospiz Österreich, in der von Waltraud Klasnic begleiteten
Pressekonferenz fest.
Ausgangslage
Am Wochenende oder in der Nacht betreut eine Pflegeperson bis zu 70
BewohnerInnen. Sollte ein Notfall eintreten, muss eine Pflegeperson
rasch handeln, meist wird die diensthabende Ärztin bzw. der Notarzt
gerufen. Wenn nun eine Krisensituation nicht zuvor mit allen
Beteiligten (betreuende Ärztin/Arzt, Pflege, BewohnerIn, Angehörigen
bzw. Vertrauenspersonen) besprochen und gut dokumentiert worden ist,
kommt es häufig - sogar in der Sterbephase - zu lebensverlängernden
Maßnahmen, Krankenhauseinweisungen und einem Sterben im Krankenhaus,
auch wenn das nicht dem Willen der Bewohnerin, des Bewohners
entspricht. Um unnötige, belastende und von BewohnerInnen nicht
gewünschte Behandlungen und Krankenhauseinweisungen (und nur diese!)
zu reduzieren, um die Pflege zu unterstützen und den diensthabenden
ÄrztInnen und NotärztInnen eine Entscheidungsgrundlage zu geben,
wurde der Vorsorgedialog entwickelt.
Vorsorgedialog schafft mehr Sicherheit für alle Beteiligten
Michael Lang, Leiter des Geriatrie-Referates der Österreichischen
Ärztekammer, ergänzt: "Die zunehmenden Einsätze von NotärztInnen bei
PflegeheimpatientInnen sind durch zwei Faktoren gekennzeichnet: Viele
Einsätze wären vermeidbar, und andererseits ist das Ergebnis für die
PatientInnen oft sehr unbefriedigend. Gerade in Krisensituationen,
wie sie bei Notarzteinsätzen vorliegen, ist es meist schwierig bis
unmöglich, den Willen der Einzelnen zu kennen oder zeitnahe zu
erfahren. Notärzte müssen daher oft teils invasive Maßnahmen setzen,
ohne Informationen zur Grunderkrankung und zum bisherigen
Krankheitsverlauf bzw. zu den Vorstellungen der PatientInnen zu
haben. Das führt nicht nur zu einer großen persönlichen Belastung der
Ärztinnen und Ärzte, sondern aus Sicht des Betroffenen möglicherweise
auch zu ungewünschten lebensverlängernden Maßnahmen.
Entscheidungshilfen sind daher dringend gefragt."
Genau hier setzt der Vorsorgedialog ein: in interprofessionellen,
wiederkehrenden und dokumentierten Gesprächen mit BewohnerInnen wird
Biografisches thematisiert und über relevante Gewohnheiten
gesprochen. Maßnahmen wie künstliche Ernährung,
Krankenhauseinweisungen am Lebensende und Wiederbelebung in
prognostisch aussichtloser Situation werden dann gezielt erfragt, um
bei fehlender Einwilligungsmöglichkeit den Willen der Betroffenen zu
kennen.
Der Vorsorgedialog schafft auf diese Weise mehr Sicherheit für alle
Beteiligten: in erster Linie die betroffenen PatientInnen sowie
Notarzt, Notärztin, Pflegepersonen und Angehörige.
Vorsorgedialog als Hilfe zur Selbstbestimmung am Lebensende
Hildegard Menner, Vertreterin der ARGE Pflegedienstleitungen in
Altenheimen: "Aus den Erfahrungen der Pflegepersonen in den
österreichischen Pflegeeinrichtungen sowie aus Ergebnissen von
BewohnerInnenbefragungen geht klar hervor, dass sich die alten
Menschen mit dem letzten Lebensabschnitt auseinandersetzen wollen und
ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Selbstbestimmung haben.
Sie wollen ihren Willen beachtet wissen. Das bedingt aber, dass die
BetreuerInnen über diese Bedürfnisse Bescheid wissen."
Maria Kletecka-Pulker vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin
weist auf die schon bestehenden Möglichkeiten hin: "In Österreich
besteht große Patientenautonomie mit dem Recht, jede Heilbehandlung
auch abzulehnen. Der Österreichische Gesetzgeber hat in den letzten
Jahren gute rechtliche Instrumente geschaffen, um auch für den Fall
des Verlustes der Entscheidungsfähigkeit
vorzusorgen: Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht in
Gesundheitsangelegenheiten. Doch nur etwa 4% der österreichischen
Bevölkerung haben eine Patientenverfügung, 2% eine Vorsorgevollmacht.
Der Vorsorgedialog schafft einen größeren Rahmen im Sinn von Advance
Care Planning. Alle rechtlichen Instrumente helfen nur bedingt, wenn
niemand zuvor mit den Betroffenen ausführlich über ihre Wünsche und
Ängste gesprochen hat."
Dialog und Dokumentation für Würde und Rechte am Lebensende
"Ärztliche Gesprächskompetenz ist gefordert, um über Maßnahmen
verständlich zu informieren und Einschätzungen der Lebensperspektiven
zu geben.", nimmt Harald Retschitzegger als Präsident der
Österreichischen Palliativgesellschaft seine KollegInnen in die
Pflicht. "Solche Gespräche sollen Angst abbauen, Klarheit schaffen
und allen beteiligten Menschen - vor allem natürlich der PatientIn -
Sicherheit geben. Wie in jeder Betreuungssituation ist auch bei
diesen Gesprächsprozessen die wertschätzende, wirksame und
konstruktive Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen absolut
notwendig."
Als Vertreterin des Bundesverbands der Alten- und Pflegeheime im
Beirat HPCPH begrüßt auch Regina Ertl dieses Dialog- und
Dokumentationsinstrument: "Den Vorsorgedialog verstehen wir als eine
Chance, die gewährleisten kann, dass auch bei eingeschränkter
Kommunikations- oder Entscheidungsmöglichkeit die persönlichen
Wünsche und Vorstellungen in Krisen oder im Sterben realisiert
werden. Selbst entscheiden und bestimmen zu können wird umso
wertvoller in Situationen, in denen man in hohem Maße von anderen
Menschen abhängig ist. Der Bundesverband der Alten- und Pflegeheime
hat an der Entwicklung des Vorsorgedialogs aktiv mitgearbeitet und
wird diesen weiter mit allem Engagement unterstützen, denn es geht um
die Würde und die Rechte der Menschen in den besonders schweren,
krisenbehafteten Lebenssituationen."
Der Beirat HPCPH entwickelte aufgrund von schon bestehenden
Initiativen eine Projektbeschreibung, einen Gesprächsleitfaden und
eine Empfehlung zur Dokumentation, die in der Endphase der
Begutachtung sind. Mitte 2015 wird mit einem Start für ganz
Österreich gerechnet.
Weitere Bilder unter: http://www.apa-fotoservice.at/galerie/6168
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