Vorsorgen statt sich sorgen

ExpertInnengruppe des Beirats HPCPH von Hospiz Österreich präsentiert Vorsorgedialog für österreichische Alten- und Pflegeheime

Wien (OTS) - In Österreich werden derzeit fast 72.000 Menschen in rund 800 Heimen gepflegt und betreut. "In 83 dieser Heime wurde in den letzten Jahren Hospizkultur und Palliative Care im Projekt Hospizkultur und Palliative Care im Pflegeheim (HPCPH) des Dachverbandes Hospiz Österreich integriert. In nahezu allen Pflegeheimen kam eine spezielle Problematik zum Vorschein, auf die der Beirat zum Projekt reagierte und gemeinsam mit ExpertInnen den Vorsorgedialog als Antwort und Angebot für alle Heime Österreichs entwickelte.", stellt Karl Bitschnau, Vizepräsident Dachverband Hospiz Österreich, in der von Waltraud Klasnic begleiteten Pressekonferenz fest.

Ausgangslage

Am Wochenende oder in der Nacht betreut eine Pflegeperson bis zu 70 BewohnerInnen. Sollte ein Notfall eintreten, muss eine Pflegeperson rasch handeln, meist wird die diensthabende Ärztin bzw. der Notarzt gerufen. Wenn nun eine Krisensituation nicht zuvor mit allen Beteiligten (betreuende Ärztin/Arzt, Pflege, BewohnerIn, Angehörigen bzw. Vertrauenspersonen) besprochen und gut dokumentiert worden ist, kommt es häufig - sogar in der Sterbephase - zu lebensverlängernden Maßnahmen, Krankenhauseinweisungen und einem Sterben im Krankenhaus, auch wenn das nicht dem Willen der Bewohnerin, des Bewohners entspricht. Um unnötige, belastende und von BewohnerInnen nicht gewünschte Behandlungen und Krankenhauseinweisungen (und nur diese!) zu reduzieren, um die Pflege zu unterstützen und den diensthabenden ÄrztInnen und NotärztInnen eine Entscheidungsgrundlage zu geben, wurde der Vorsorgedialog entwickelt.

Vorsorgedialog schafft mehr Sicherheit für alle Beteiligten

Michael Lang, Leiter des Geriatrie-Referates der Österreichischen Ärztekammer, ergänzt: "Die zunehmenden Einsätze von NotärztInnen bei PflegeheimpatientInnen sind durch zwei Faktoren gekennzeichnet: Viele Einsätze wären vermeidbar, und andererseits ist das Ergebnis für die PatientInnen oft sehr unbefriedigend. Gerade in Krisensituationen, wie sie bei Notarzteinsätzen vorliegen, ist es meist schwierig bis unmöglich, den Willen der Einzelnen zu kennen oder zeitnahe zu erfahren. Notärzte müssen daher oft teils invasive Maßnahmen setzen, ohne Informationen zur Grunderkrankung und zum bisherigen Krankheitsverlauf bzw. zu den Vorstellungen der PatientInnen zu haben. Das führt nicht nur zu einer großen persönlichen Belastung der Ärztinnen und Ärzte, sondern aus Sicht des Betroffenen möglicherweise auch zu ungewünschten lebensverlängernden Maßnahmen. Entscheidungshilfen sind daher dringend gefragt."

Genau hier setzt der Vorsorgedialog ein: in interprofessionellen, wiederkehrenden und dokumentierten Gesprächen mit BewohnerInnen wird Biografisches thematisiert und über relevante Gewohnheiten gesprochen. Maßnahmen wie künstliche Ernährung, Krankenhauseinweisungen am Lebensende und Wiederbelebung in prognostisch aussichtloser Situation werden dann gezielt erfragt, um bei fehlender Einwilligungsmöglichkeit den Willen der Betroffenen zu kennen.

Der Vorsorgedialog schafft auf diese Weise mehr Sicherheit für alle Beteiligten: in erster Linie die betroffenen PatientInnen sowie Notarzt, Notärztin, Pflegepersonen und Angehörige.

Vorsorgedialog als Hilfe zur Selbstbestimmung am Lebensende

Hildegard Menner, Vertreterin der ARGE Pflegedienstleitungen in Altenheimen: "Aus den Erfahrungen der Pflegepersonen in den österreichischen Pflegeeinrichtungen sowie aus Ergebnissen von BewohnerInnenbefragungen geht klar hervor, dass sich die alten Menschen mit dem letzten Lebensabschnitt auseinandersetzen wollen und ein großes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Selbstbestimmung haben. Sie wollen ihren Willen beachtet wissen. Das bedingt aber, dass die BetreuerInnen über diese Bedürfnisse Bescheid wissen."

Maria Kletecka-Pulker vom Institut für Ethik und Recht in der Medizin weist auf die schon bestehenden Möglichkeiten hin: "In Österreich besteht große Patientenautonomie mit dem Recht, jede Heilbehandlung auch abzulehnen. Der Österreichische Gesetzgeber hat in den letzten Jahren gute rechtliche Instrumente geschaffen, um auch für den Fall des Verlustes der Entscheidungsfähigkeit
vorzusorgen: Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht in Gesundheitsangelegenheiten. Doch nur etwa 4% der österreichischen Bevölkerung haben eine Patientenverfügung, 2% eine Vorsorgevollmacht. Der Vorsorgedialog schafft einen größeren Rahmen im Sinn von Advance Care Planning. Alle rechtlichen Instrumente helfen nur bedingt, wenn niemand zuvor mit den Betroffenen ausführlich über ihre Wünsche und Ängste gesprochen hat."

Dialog und Dokumentation für Würde und Rechte am Lebensende

"Ärztliche Gesprächskompetenz ist gefordert, um über Maßnahmen verständlich zu informieren und Einschätzungen der Lebensperspektiven zu geben.", nimmt Harald Retschitzegger als Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft seine KollegInnen in die Pflicht. "Solche Gespräche sollen Angst abbauen, Klarheit schaffen und allen beteiligten Menschen - vor allem natürlich der PatientIn -Sicherheit geben. Wie in jeder Betreuungssituation ist auch bei diesen Gesprächsprozessen die wertschätzende, wirksame und konstruktive Zusammenarbeit aller beteiligten Berufsgruppen absolut notwendig."

Als Vertreterin des Bundesverbands der Alten- und Pflegeheime im Beirat HPCPH begrüßt auch Regina Ertl dieses Dialog- und Dokumentationsinstrument: "Den Vorsorgedialog verstehen wir als eine Chance, die gewährleisten kann, dass auch bei eingeschränkter Kommunikations- oder Entscheidungsmöglichkeit die persönlichen Wünsche und Vorstellungen in Krisen oder im Sterben realisiert werden. Selbst entscheiden und bestimmen zu können wird umso wertvoller in Situationen, in denen man in hohem Maße von anderen Menschen abhängig ist. Der Bundesverband der Alten- und Pflegeheime hat an der Entwicklung des Vorsorgedialogs aktiv mitgearbeitet und wird diesen weiter mit allem Engagement unterstützen, denn es geht um die Würde und die Rechte der Menschen in den besonders schweren, krisenbehafteten Lebenssituationen."

Der Beirat HPCPH entwickelte aufgrund von schon bestehenden Initiativen eine Projektbeschreibung, einen Gesprächsleitfaden und eine Empfehlung zur Dokumentation, die in der Endphase der Begutachtung sind. Mitte 2015 wird mit einem Start für ganz Österreich gerechnet.

Weitere Bilder unter: http://www.apa-fotoservice.at/galerie/6168

Rückfragen & Kontakt:

Mag.a Anna H. Pissarek
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