- 07.11.2014, 20:06:37
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Die neue Russland-Krise, Marktkommentar von Stefan Schaaf
Frankfurt (ots) - Von der Neglinnaja-Straße Nummer 12 in Moskau ist
es nicht weit zum weltberühmten Bolschoi-Theater. Doch nicht dort,
sondern in Hausnummer 12 spielt sich derzeit das große Drama ab. Dort
hat die Notenbank der Russischen Föderation ihren Sitz - und in ihrem
historischen Gebäude dürfte dieser Tage die Verzweiflung,
möglicherweise gar die Panik regieren.
Denn selbst Notmaßnahmen haben den Absturz des Rubel nicht
verhindert. Im Gegenteil: Die Abwertung hat sich in der abgelaufenen
Woche drastisch beschleunigt. Selbst die jüngste Not-Zinserhöhung der
Notenbank in Moskau um 150 Basispunkte auf 9,5% verpuffte am
Devisenmarkt binnen Minuten. Am Freitag stürzte die russische Währung
auf neue Allzeittiefs zu Euro und Dollar ab: Ein Währungskorb, der zu
55% aus Dollar und zu 45% aus Euro besteht, schmierte - bei hohen
Handelsumsätzen - regelrecht ab auf 53,86 Rubel. Für einen Euro
mussten zeitweilig 60,27 Rubel gezahlt werden, für einen Dollar 48,66
Rubel. Damit zerstob die Hoffnung der Vortage, bei einem Kurs von 45
Rubel je Dollar könnte sich der Markt stabilisieren. Im späten Handel
erholte sich der Rubel aber etwas, da die Notenbank neue
Interventionen in Aussicht stellte.
Gravierende Unsicherheit
Der Absturz des Rubel hat viele Gründe, aber um ihn zu verstehen,
muss man über die aktuelle Eskalation der Ukraine-Krise und die
westlichen Sanktionen hinweg in das Jahr 2013 zurückschauen. Noch
lange bevor in der Ukraine proeuropäische Demonstrationen begannen
und die Außenpolitik in Moskau zunehmend aggressiv agierte, setzte
ein Wirtschaftsabschwung in Russland ein.
Deutlich wird dies am von HSBC erhobenen Einkaufsmanagerindex. Der
gemeinsame Index für verarbeitendes Gewerbe und Dienstleistungen sank
bereits seit dem Jahreswechsel 2012/2013 und rutschte im Herbst
vergangenen Jahres unter 50 Punkte. Nach einer kurzen Erholung zu
Jahresbeginn ging es kontinuierlich abwärts, der Oktoberwert des
Frühindikators von 46,7 Zählern signalisiert eine wirtschaftliche
Kontraktion. Der massive Preisverfall bei Rohöl tat zuletzt ein
Übriges. Dies ist ohnehin kein Umfeld, in dem eine Währung aufwertet.
Doch im Fall des Rubel kamen neben der Konjunkturschwäche Russlands
weitere Faktoren hinzu. Beobachter des Landes und westliche
Investoren berichten von einer gravierenden Rechtsunsicherheit in dem
Land, die neben der einseitigen Ausrichtung der Volkswirtschaft auf
Energie- und Rüstungsindustrie ein deutliches Wachstumshindernis ist.
Die ohnehin latente Unsicherheit verstärkte sich in den vergangenen
Monaten im Zuge der russischen Annexion der Krim sowie der Eskalation
in der Ukraine noch einmal. Dies und die darauf folgenden westlichen
Sanktionen lösten eine Kapitalflucht aus. Diese könnte im laufenden
Jahr laut der Kreml-nahen Nachrichtenagentur Ria Novosti 120 Mrd.
Dollar erreichen.
Währungsreserven sinken
Zugleich schmolzen die Währungsreserven drastisch zusammen. Aktuell
hat die Notenbank Fremdwährungsreserven und Gold im Umfang von 429
Mrd. Dollar auf der hohen Kante. Doch zu Jahresbeginn waren es noch
511 Mrd. Dollar. Der Abfluss hatte sich zuletzt beschleunigt, als die
Notenbank verzweifelt versuchte, den Rubel-Kurs zu stabilisieren.
Dieser Tage zog die Zentralbank die Reißleine und gab den Wechselkurs
de facto frei. Analysten vermuten, sie wolle ihre Reserven schonen
und den Kurs auf ein faires Marktniveau absacken lassen.
Ob sich diese Erwartung erfüllt, wird sich in der neuen Woche zeigen.
Angesichts neuer Spannungen zwischen Russland und der Ukraine und der
einer Abwertung innewohnenden Eigendynamik bestehen jedoch Zweifel an
einer Erholung. Und hier liegt das große Risiko: Je mehr russische
Assets unter Druck geraten, desto größer wird auch das Risiko, dass
eine neue Russland-Krise auf andere Schwellenländer übergreift.
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