Die neue Russland-Krise, Marktkommentar von Stefan Schaaf

Frankfurt (ots) - Von der Neglinnaja-Straße Nummer 12 in Moskau ist es nicht weit zum weltberühmten Bolschoi-Theater. Doch nicht dort, sondern in Hausnummer 12 spielt sich derzeit das große Drama ab. Dort hat die Notenbank der Russischen Föderation ihren Sitz - und in ihrem historischen Gebäude dürfte dieser Tage die Verzweiflung, möglicherweise gar die Panik regieren.

Denn selbst Notmaßnahmen haben den Absturz des Rubel nicht verhindert. Im Gegenteil: Die Abwertung hat sich in der abgelaufenen Woche drastisch beschleunigt. Selbst die jüngste Not-Zinserhöhung der Notenbank in Moskau um 150 Basispunkte auf 9,5% verpuffte am Devisenmarkt binnen Minuten. Am Freitag stürzte die russische Währung auf neue Allzeittiefs zu Euro und Dollar ab: Ein Währungskorb, der zu 55% aus Dollar und zu 45% aus Euro besteht, schmierte - bei hohen Handelsumsätzen - regelrecht ab auf 53,86 Rubel. Für einen Euro mussten zeitweilig 60,27 Rubel gezahlt werden, für einen Dollar 48,66 Rubel. Damit zerstob die Hoffnung der Vortage, bei einem Kurs von 45 Rubel je Dollar könnte sich der Markt stabilisieren. Im späten Handel erholte sich der Rubel aber etwas, da die Notenbank neue Interventionen in Aussicht stellte.

Gravierende Unsicherheit

Der Absturz des Rubel hat viele Gründe, aber um ihn zu verstehen, muss man über die aktuelle Eskalation der Ukraine-Krise und die westlichen Sanktionen hinweg in das Jahr 2013 zurückschauen. Noch lange bevor in der Ukraine proeuropäische Demonstrationen begannen und die Außenpolitik in Moskau zunehmend aggressiv agierte, setzte ein Wirtschaftsabschwung in Russland ein.

Deutlich wird dies am von HSBC erhobenen Einkaufsmanagerindex. Der gemeinsame Index für verarbeitendes Gewerbe und Dienstleistungen sank bereits seit dem Jahreswechsel 2012/2013 und rutschte im Herbst vergangenen Jahres unter 50 Punkte. Nach einer kurzen Erholung zu Jahresbeginn ging es kontinuierlich abwärts, der Oktoberwert des Frühindikators von 46,7 Zählern signalisiert eine wirtschaftliche Kontraktion. Der massive Preisverfall bei Rohöl tat zuletzt ein Übriges. Dies ist ohnehin kein Umfeld, in dem eine Währung aufwertet. Doch im Fall des Rubel kamen neben der Konjunkturschwäche Russlands weitere Faktoren hinzu. Beobachter des Landes und westliche Investoren berichten von einer gravierenden Rechtsunsicherheit in dem Land, die neben der einseitigen Ausrichtung der Volkswirtschaft auf Energie- und Rüstungsindustrie ein deutliches Wachstumshindernis ist.

Die ohnehin latente Unsicherheit verstärkte sich in den vergangenen Monaten im Zuge der russischen Annexion der Krim sowie der Eskalation in der Ukraine noch einmal. Dies und die darauf folgenden westlichen Sanktionen lösten eine Kapitalflucht aus. Diese könnte im laufenden Jahr laut der Kreml-nahen Nachrichtenagentur Ria Novosti 120 Mrd. Dollar erreichen.

Währungsreserven sinken

Zugleich schmolzen die Währungsreserven drastisch zusammen. Aktuell hat die Notenbank Fremdwährungsreserven und Gold im Umfang von 429 Mrd. Dollar auf der hohen Kante. Doch zu Jahresbeginn waren es noch 511 Mrd. Dollar. Der Abfluss hatte sich zuletzt beschleunigt, als die Notenbank verzweifelt versuchte, den Rubel-Kurs zu stabilisieren. Dieser Tage zog die Zentralbank die Reißleine und gab den Wechselkurs de facto frei. Analysten vermuten, sie wolle ihre Reserven schonen und den Kurs auf ein faires Marktniveau absacken lassen.

Ob sich diese Erwartung erfüllt, wird sich in der neuen Woche zeigen. Angesichts neuer Spannungen zwischen Russland und der Ukraine und der einer Abwertung innewohnenden Eigendynamik bestehen jedoch Zweifel an einer Erholung. Und hier liegt das große Risiko: Je mehr russische Assets unter Druck geraten, desto größer wird auch das Risiko, dass eine neue Russland-Krise auf andere Schwellenländer übergreift.

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