Politisches Desinteresse als Gefahr für Medien und Demokratie?

Matinee über gemeinsame demokratiepolitische Herausforderungen für Politik und Medien im Parlament

Wien (PK) - Wie können und sollen Politik und Medien auf die zunehmende Politikverdrossenheit und die gleichzeitig sinkende Wahlbeteiligung reagieren? Ist uns alles egal? Und wenn ja, warum? Mit diesen alarmierenden Tendenzen und hochaktuellen Fragestellungen haben sich heute VertreterInnen aus Politik, Medien, Wissenschaft und Kultur im Palais Epstein auseinandergesetzt. Zur Matinee geladen hat der Zweite Präsident des Nationalrats Karlheinz Kopf gemeinsam mit dem Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ).

Kopf: Starkes Bemühen um die Zukunft der Demokratie notwendig

"Medien, Politik, Verlagshäuser, demokratische Institutionen, JournalistInnen und PolitkerInnen sitzen alle in ein und demselben Boot", konstatierte der Zweite Präsident des Nationalrats in seiner Begrüßung, weil alle mit dem gleichen Problem zu kämpfen hätten. Denn wenn das Interesse an der Politik sinke, bleibe auch das Interesse am Qualitätsjournalismus aus, wenn die Politikverdrossenheit zunehme, gingen jedem Medium, das für Qualität steht, zuerst die LeserInnen und später das Geld verloren. Kopf kam zu dem prekären Schluss:
"Nimmt die Politikverdrossenheit zu, besteht eine Gefahr für die Medien und für die Demokratie".

Selbstkritisch gestand Kopf zudem ein, dass die Kluft zwischen den BürgerInnen und der Politik noch nie so groß gewesen sei. Sichtbar werde diese Tatsache heute vor allem in sozialen Netzwerken, in denen sich viele gegenüber politischen AkteurInnen ablehnend äußern würden. Diese Wahrnehmung der BürgerInnen zwinge die Politik zu einem Nachdenkprozess, dabei werde demnächst auch im Parlament eine Diskussion über die Neugestaltung der Demokratie im Zuge der Enquete-Kommission in Gang gesetzt. Laut Kopf kann ein Mehr an direkter Demokratie wesentlich dazu beitragen, Politik- und vor allem Parteienverdrossenheit abzubauen. "Das ist ein Instrument, aber kein Allheilmittel", sagte Kopf und stand dafür ein, vor allem auch in der Politik selbst anzusetzen. Die Frage, ob auch manipulierende Medien eine Mitschuld am bereits vielerorts postulierten Bankrott der Demokratie haben und was der unzufriedene Bürger selbst leisten muss und kann, um die Verdrossenheit zu überwinden, brachte Kopf außerdem in Diskussion. "Politik, Medien und die BürgerInnen sind Teil des demokratischen Systems und alle gleichzeitig verantwortlich", sagte er und appellierte für ein starkes Bemühen um die Zukunft der Demokratie.

Kralinger: Medienkonsum muss an Schulen erlernt werden

Damit sich die BürgerInnen umfassend informieren können, brauche es unabhängige Medien, die Inhalte mit Relevanz und Mehrwert liefern, postulierte der Präsident des Verbandes Österreichischer Zeitungen (VÖZ) und verwies zudem darauf, dass diese Leistung vor allem von VÖZ-Medien erbracht werde. Eine vom VÖZ in Auftrag gegebene Studie veranschauliche ebenfalls, warum eine demokratische Gesellschaft Kaufzeitungen und -magazine brauche. Diese Medien würden nämlich Diskussionen anstoßen und Themen aufs Tapet bringen, die manche lieber unter den Teppich kehren. Gar nicht selten würden damit auch Veränderungen angestoßen, was keinem öffentlich-rechtlichen Rundfunk alleine gelinge und auch keiner Armada an Agenturmeldungen oder ein paar tausend Tweets oder Blog-Einträgen. Was es brauche, sei eine vitale Pressekultur, so Kralinger.

Sorge mache er sich um die Zukunft, weil für Jugendliche mittlerweile andere Nutzungskanäle wie Soziale Netzwerke eine größere Rolle spielen. Deshalb sei es auch Aufgabe der Medienhäuser, diese jungen Menschen wieder an die verlegerischen Produkte heranzuführen und ihnen beizubringen, wo unabhängig und professionell aufbereitete Information abrufbar ist. Eine mögliche Lösung bestand für Kralinger darin, bereits in den Schulen Medienkonsum zu lehren und Zeitungen sowie Magazinen mehr in den Unterricht zu integrieren. Gemeinsam mit der Politik und den Schulen könne es gelingen, den Jugendlichen den Mehrwert darin zu zeigen, sagte der VÖZ-Präsident.

Donsbach: Qualitäts- und Funktionsunterschied zwischen professionellen und nicht professionellen Medien noch stärker aufzeigen

In seiner Keynote sprach Wolfgang Donsbach von der Technischen Universität Dresden von der zunehmenden Marginalisierung des professionellen Journalismus. Donsbach brach mit der landläufigen Auffassung, dass die Boulevardisierung der Medien und die sogenannten Pop Politics mit dem Internet eingesetzt haben. Bereits davor sei diese Kommerzialisierung und Umsonst-Kultur zu beobachten gewesen, das Internet habe diesen Wandel beschleunigt, aber nicht ausgelöst.

Laut Donsbach ist vor allem bei den Jugendlichen das Vertrauen in JournalistInnen zurückgegangen. Hinzu kommt, dass sich immer weniger Menschen professionell aufbereiteten journalistischen Inhalten zuwenden, so der Keynote-Speaker. Ursachen dafür sah Donsbach zum einen in einer Werteveränderung der Gesellschaft, wonach sich die Menschen immer weniger engagieren, was eine Privatisierung der Demokratie zur Folge hätte, zum anderen in einer Veränderung der Medienlandschaft. Denn es sei noch nie so einfach gewesen, dem Eskapismus in allen möglichen Verbreitungskanälen wie Youtube fernab von ernstzunehmenden Inhalten zu frönen. "Politik und anderes Ernsthaftes wird zur Nadel im Heuhaufen", so Donsbach. Eine Folge davon sei, dass BürgerInnen nicht mehr zwischen professionellen und nicht professionellen Inhalten unterscheiden können. Sprich, wirklich zu erkennen, wohinter professioneller Journalismus oder Interessengruppen stecken.

Was es laut Donsbach zu tun gibt, ist die ausreichende Erhebung von wissenschaftlichen Daten und Erkenntnissen über die Nachrichtennutzung, die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Wissen oder die Qualitätsunterschiede zwischen nicht professionellen und professionellen Medien. Außerdem müsse, wie auch VÖZ-Präsident Kralinger angedeutet hat, bei der politischen Bildung und der Vermittlung von Medienkompetenz an Schulen angesetzt werden. Der Ausweg könne nur sein, den Qualitäts- und Funktionsunterschied zwischen professionellen und nicht professionellen Medien noch stärker aufzuzeigen, sagte Donsbach.

Wenn Medien für Medien Themen setzen

Die Geschäftsführerin der APA-MediaWatch Julia Wippersberg präsentierte eine Studie, ob und wie heimische Medien Themen für die Berichterstattung in anderen Medien bereitstellen. Untersucht wurde im Zeitraum von zwei Monaten im ersten Halbjahr 2014, welche und wie viele neue Themen, sogenannte genuine Inhalte, die nicht einfach von anderen Quellen oder Nachrichtenagenturen übernommen, sondern selbst produziert oder recherchiert wurden, von Medien auf die Agenda für die Berichterstattung anderer Medien gesetzt wurden. Die untersuchten Medien waren ausschließlich General-Interest-Medien, darunter Tageszeitungen, Wochenzeitungen, Magazine, aber auch audiovisuelle Medien mit einem Anspruch auf journalistische Universalität. In ihrer Conclusio zur Studie zeigte Wippersberg auf, dass österreichische Medien durch ihre Eigenleistung Themen für die Medien- und in Folge für die Publikums-Agenda bereitstellen und damit zum Public Value, dem sogenannten öffentlichen Mehrwert wie Wissen und Orientierung, für eine umfassend informierte und interessierte Öffentlichkeit beitragen. In Auftrag gegeben wurde die Studie vom VÖZ.

An der anschließenden Podiumsdiskussion nahmen VÖZ-Präsident Thomas Kralinger, Bundesministerin Sophie Karmasin, Wolfgang Donsbach von der Technischen Universität Dresden, der stellvertretende Chefredakteur der Salzburger Nachrichten Andreas Koller und der Kabarettist Robert Stachel teil. Moderiert wurde die Matinee von Ina Sabitzer. (Schluss) keg

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