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Wiener Zeitung - Leitartikel von Walter Hämmerle: "Kein Obama für Brüssel"

Ausgabe vom 31. Oktober 2014

Utl.: Ausgabe vom 31. Oktober 2014 =

Wien (OTS) - Der pragmatische Umgang mit erlittenen Enttäuschungen
zählt zu den wichtigeren psychohygienischen Basiselementen unseres
mentalen Repertoires. Als nach den EU-Wahlen im Mai feststand, dass
Jean-Claude Juncker neuer Präsident der EU-Kommission werden wird,
schlug dem 59-jährigen Luxemburger Skepsis und Ablehnung entgegen.
Der mit allen politischen Wassern gewaschene Christdemokrat wurde
etwa vom "Spiegel" als "müder Politiker des 20. Jahrhunderts, der
sich ins 21. verirrt hat" verspottet. Für Linke und alle Briten ist
Juncker sowieso der falsche Mann zur falschen Zeit am falschen Ort.
Und liberale Geister irritierte die Nonchalance, mit der er sich dem
großkoalitionären Machtspiel im EU-Parlament unterwarf.

Europas Elite wünschte sich so sehr einen kontinentalen Wiedergänger
Barack Obamas mit seinem "Yes, we can". Und erhalten haben sie einen
Meister des taktischen Kompromisses, einen Deal-Maker ziemlich alter
Schule. Juncker ist ein Hinterzimmer-Politiker, kein Bühnenzampano;
er versteht es in keiner der drei Sprachen, die er fließend
beherrscht, seine Zuhörer von den Sitzen zu reißen. Im Gegensatz zum
brillanten Redner Obama kann er Allianzen schmieden und Kompromisse
eingehen, Gegner umgarnen und Mitstreiter pflegen. Juncker weiß, dass
sich das politische Handwerk im 21. Jahrhundert nicht so grundlegend
gewandelt hat, wie uns die Trendgurus glauben machen. Tatsächlich
braucht Europa einen Strategen für die langfristigen Ziele und einen
gewieften Taktiker für die Überwindung kurzfristigen Widrigkeiten.

Die Krise in etlichen Nationalstaaten, die politischen wie die
ökonomischen, lassen sich nicht durch einen Helden in Brüssel
beheben. Die Erneuerung Frankreichs müssen schon die Franzosen
bewerkstelligen, die Italiens die Italiener und diese Aufgabe bleibt
auch uns Österreichern nicht erspart; und die Selbstfindung
Großbritanniens kann den Engländern, Walisern und Schotten auch
niemand abnehmen.

Was die Europäische Union in den nächsten Jahren leisten kann - und
muss! -, ist, diesen Reformprozessen einen übergeordneten Rahmen zu
geben, der die nationale Politik gleichzeitig entlastet und stärkt.

Das ist die Jobbeschreibung - und sie passt wesentlich besser auf den
real existierenden Juncker als den imaginierten Euro-Obama. Wobei:
Talentierte Redenschreiber schaden nie.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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