• 27.10.2014, 17:34:25
  • /
  • OTS0181 OTW0181

"Soziale Mobilität und Einkommensungleichheiten" - 8. Sozialstaatsenquete

http://www.apa-fotoservice.at/galerie/5999 Im Bild
v.l.n.r.: Mag. Martin Schaffenrath (Stv. Vorsitzender des
Verbandsvorstandes des Hauptverbandes der österreichischen
Sozialversicherungsträger), Univ.-Prof. Dr. Markus Jäntti (Ökonom
der Universität Stockholm, Leiter des „Institute for Social
Research“ sowie Forschungsdirektor am „Luxembourg Income Study Data
Center“), Dr.in Dorothee Spannagel (Soziologin, Referatsleiterin für
Verteilungsanalyse und Verteilungspolitik am Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Institut Düsseldorf), Prof. Mag. Dr. Karl
Aiginger (Leiter des Österreichischen Instituts für
Wirtschaftsforschung), ao. Univ.-Prof. Dr. Wilfried Altzinger
(Ökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien, stv. Leiter des
Instituts für Makroökonomie)

Wien (OTS) - Der neu bestellte Verbandsvorsitzende des Hauptverbands
der österreichischen Sozialversicherungsträger eröffnete heute die 8.
Sozialstaatsenquete und betonte die Wichtigkeit der Vernetzung von
Wissenschaft, Politik und Sozialversicherungsträgern. "Das
Sozialversicherungsbudget ist mit rund 55 Mrd. Euro sehr groß, doch
die Sozialversicherung verwaltet das Budget nicht nur, sondern
entwickelt diese Bereiche auch aktiv weiter", so Peter McDonald. Das
österreichische Gesundheitssystem zeichnet sich aus durch gleiche
Zugangschancen für alle, Einkommensunterschiede spielen hier keine
Rolle. "Nicht die Kreditkarte sondern die e-Card entscheidet in
Österreich über den Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen" so
McDonald.

In der Eröffnungsrede von Bundesminister Rudolf Hundstorfer wurde die
Wichtigkeit der Umverteilung in Österreich hervorgehoben. Es gibt
dennoch viele Bereiche, die verbessert werden müssen: So ist der
Lohnanteil am Volkseinkommen rückläufig, die Zunahme der
Kapitaleinkommen "hat ein bedrohliches Ausmaß" angenommen, so der
Sozialminister.

Der Beschäftigungsstand ist mit 3,5 Mio. Personen in Österreich so
hoch wie nie zuvor, allerdings sind 1 Mio. Arbeitsplätze Teilzeitjobs
und davon die Hälfte unfreiwillig, so die Kehrseite des
Beschäftigungshochs.

"Österreich ist im Bereich der Überstunden Weltmeister, diesen Titel
würde ich gerne los werden, um mehr Arbeitsplätze zu schaffen" so der
Minister. Die hohe Dynamik am Arbeitsmarkt (1,5 Mio. Jobs werden
jährlich neu aufgenommen) birgt eine große Chance, aber auch die
Gefahr, dass diese hohe Arbeitsmarktdynamik die Ungleichheit fördern
kann. Die Chancengleichheit ist dem Sozialminister im Bereich der
dualen Ausbildung sehr wichtig, denn hier steht der Lehrabschluss auf
gleicher Ebene wie ein AHS-Abschluss. Insgesamt sind die aktive
Arbeitsmarkpolitik und die Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit von
hoher Priorität, auch vor dem Ziel der Verbesserung der
Chancengleichheit am Arbeitsmarkt in Österreich. Sozialminister
Hundstorfer wünschte abschließend der 8. Sozialstaatsenquete "einen
Output aus den Diskussionen der Enquete, der als Input für die
politische Arbeit verwendet werden kann."

Der Leiter des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts Prof.
Dr. Karl Aiginger unterstrich in seinen Eröffnungsworten die
Bedeutung der Sozialpolitik als Triebkraft für die wirtschaftliche
Entwicklung in den entwickelten Industrieländern.

Wettbewerbsfähigkeit - neu definiert im Großprojekt WWWforEurope -
heißt nicht länger "billig produzieren" sondern wirtschaftspolitische
Ziele zu erreichen. Und hier braucht es verstärkt
Bildungsinvestitionen und ein aktivierendes Sozialsystem. Insgesamt
muss Wirtschaftspolitik stärker vorausschauend sein, "um von der
Symptomkur zur Wurzelbehandlung zu gelangen" so Aiginger abschießend.

Aus der 8. Sozialstaatsenquete wurden neue Befunde zu den
langfristigen Folgen wachsender Einkommensungleichheiten und deren
Auswirkungen auf die Kindergeneration präsentiert. Es gibt eindeutige
empirische Ergebnisse der steigenden Chancenungleichheit junger
Generationen im Zusammenhang mit der steigenden
Einkommensungleichheit.

Univ. Prof. Dr. Markus Jäntti: Massiver Elterneinfluss auf die
Arbeitsmarktchancen der Kinder

Auf der Grundlage seiner langjährigen Forschungstätigkeit konstatiert
der Wirtschaftswissenschafter
Univ. Prof. Markus Jäntti, Leiter des "Institute for Social Research"
(SOFI) an der Universität Stockholm sowie Forschungsdirektor am
"Luxembourg Income Study Data Center" (LIS) den vielschichtigen
Einfluss des Elternhaushalts auf die Arbeitsmarktchancen der Kinder.
Insgesamt hängt die Chancengleichheit in einer Gesellschaft von
Faktoren ab, die Einzelpersonen gar nicht beeinflussen können. Einer
der wichtigsten Faktoren ist die finanzielle Lage oder insgesamt die
Einkommenssituation im Elternhaushalt. Daneben bestimmen aber auch
Institutionen und die Umwelt den Arbeitsmarktstatus der
Nachfolgegeneration. Beides sind Bereiche, die sich der individuellen
Gestaltung entziehen. Univ. Prof. Jäntti bestätigt in seinen Arbeiten
die Befunde zum positiven Zusammenhang zwischen der Einkommenslage
und dem Bildungsniveau im Elternhaushalt und den Arbeitsmarkt- und
Einkommenschancen der Kinder. Allerdings wurde hier bisher nur an der
Oberfläche geforscht. Die eigentliche Ursachenforschung zum Thema
"Trend der steigenden Ungleichheit" stecke - trotz der enormen
Wichtigkeit - noch in den Kinderschuhen, betont der
Wirtschaftswissenschafter. Anhand einer Reform des Pflichtschulwesens
in Finnland zeigte Jäntti die langfristigen Folgen von Maßnahmen für
die Chancengleichheit, die sich im Falle von Finnland erst 3-4
Jahrzehnte später materialisierten.

Österreich: Bildung der Eltern bestimmt Bildungsgrad der
Kinder

Univ. Prof. Dr. Wilfried Altzinger, Wirtschaftswissenschafter an der
Wirtschaftsuniversität Wien erhob für Österreich einen engen
Zusammenhang zwischen Bildung der Eltern und Bildungsabschlüssen
ihrer Kinder: Während die Kinder von Eltern mit Pflichtschule als
höchst abgeschlossener Schulbildung nur in 6 Prozent aller Fälle
einen akademischen Abschluss erreichen, sind es bei Kinder von Eltern
mit Universitätsabschluss 54 Prozent aller Fälle. Die
Bildungsunterschiede sind immer auch mit Einkommensunterschieden
verbunden: Männer der Altersgruppe 45 bis 59 Jahre aus akademischen
Haushalten erreichten im Befragungsjahr 2011 ein um 55 Prozent
höheres Einkommen als das Durchschnittseinkommen. Männer aus
Haushalten mit Pflichtschulabschlusseltern haben einen
Einkommensnachteil in der Höhe von rund 15.000 Euro
Nettojahreseinkommen.

Deutschland: Wachsende Einkommensunterschiede eine Gefahr für
den sozialen Zusammenhalt

Nur die Berücksichtigung der Entwicklungen, sowohl von Reichtum als
auch von Armut, kann die Ursachen der steigenden Ungleichheit
erklären, so Dr. Dorothee Spannagel vom Wirtschafts- und
Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung
in Düsseldorf.

Erwerbsarbeit wird in Deutschland als Grundlage für Reichtum
tendenziell unwichtiger, Reiche beziehen einen steigenden Anteil
ihrer Ressourcen aus Vermögenseinkommen. Die Einkommensmobilität in
Deutschland zeigt, dass 57 Prozent der sehr reichen Haushalte im Jahr
2006 - das sind insgesamt 2,1 Prozent aller Haushalte - auch 2011
sehr reich waren. Auf der anderen Seite waren in der Gruppe der
Haushalte mit Einkommen bis zum Median im Jahr 2006 - das sind
insgesamt knapp 50 Prozent aller deutschen Haushalte - auch im Jahr
2011 zu 75 Prozent in der gleichen Einkommensklasse.

Die Einkommensmobilität der sehr Reichen in Deutschland hat sich in
den Jahren 1991 bis 1995 sowie in den Jahren 2006 bis 2011
verringert. Die Reichen und sehr Reichen konnten trotz Wirtschafts-
und Finanzkrise ihre gehobene Lage sichern. Sie steigen in der
letztgenannten Periode seltener in die Mitte der Verteilung ab. Die
Reichtumsgrenze ist nach unten hin undurchlässiger geworden. Die
wachsende Polarisierung der Lebenslagen hat weitreichende Folgen: sie
dämpft das Wirtschaftswachstum und gefährdet den sozialen
Zusammenhalt der Gesellschaft.

OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT | NHS

Bei Facebook teilen.
Bei X teilen.
Bei LinkedIn teilen.
Bei Xing teilen.
Bei Bluesky teilen

Stichworte

Channel