- 17.10.2014, 19:30:32
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Putins Schwäche"
Ausgabe vom 18. Oktober 2014
Utl.: Ausgabe vom 18. Oktober 2014 =
Wien (OTS) - Der russische Präsident pokert im geopolitischen Spiel
sehr hoch, und das ist fatal. Wenn Russland, wie dessen Verteidiger
im Westen betonen, einfach als Großmacht ernst genommen werden will,
müsste Wladimir Putin anders agieren. Zu einem Staatsmann passen
derart rüde Macht- und Gewaltdemonstrationen nicht.
Vor seinem Treffen mit den EU-Spitzen in Mailand stieß er allerlei
Drohungen aus, die vollkommen sinnlos waren. Dementsprechend
reagierte die EU: Die Sanktionen gegen Russland bleiben aufrecht.
Diese Sanktionen hält Russland bestenfalls drei Jahre lang aus, hat
der angesehene russische Ökonom Sergei Guriew errechnet. Das bedeutet
nicht drei Jahre durchtauchen, sondern die Aussicht, nach drei Jahren
als Land pleite zu sein. Schon jetzt setzen die Sanktionen der
russischen Wirtschaft heftig zu. Der Kapitalabfluss wird heuer etwa
120 Milliarden Dollar ausmachen, wichtige Investitionen (etwa in der
Ölförderung) unterbleiben. Die Londoner City hat aufgehört, russische
Banken zu finanzieren. Der Rubel notiert auf einem Allzeit-Tief. Die
Folge: Russlands Wirtschaft wird 2015 in eine Rezession stürzen, die
Inflation marschiert in Richtung zehn Prozent. Der derzeit niedrige
Ölpreis beschädigt Russland zusätzlich.
Noch funktioniert Putins Propaganda-Maschine, die Mehrzahl der Russen
glaubt ihrem Präsidenten. Doch was wird passieren, wenn er Ausgaben
reduzieren muss und Löhne und Pensionen nicht mehr steigen, sondern
fallen?
Sein geopolitischer Spieltrieb und die damit verbundene
Unberechenbarkeit sind wohl auch Hindernisse für die Hinwendung nach
China. Die Führung in Peking schätzt an Partnern Verlässlichkeit.
Zudem unterbinden die Sanktionen jeglichen Technologietransfer nach
Russland. Der russische Präsident gibt sich stark und unbeugsam,
fühlt sich von den USA und der EU bedroht. Sein Versuch, die EU in
der Russland-Frage zu spalten, war bisher ergebnislos.
Putin ist schwächer, als er sich eingesteht, doch die Welt weiß um
seine Schwäche. Er könnte Stärke beweisen und bei der Ukraine auf
eine politische Lösung einschwenken. Damit würde er zwar die
prorussischen Separatisten im Regen stehen lassen, doch Russland
würde davon profitieren. Die kommenden Monate werden zeigen, ob Putin
ein Staatsmann ist oder bloß Repression mit Stabilität verwechselt.
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