• 10.10.2014, 19:30:31
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Neu denken - gar nicht leicht"

Ausgabe vom 11. Oktober 2014

Utl.: Ausgabe vom 11. Oktober 2014 =

Wien (OTS) - Österreich hat ein neuer Trend erreicht, das "neue
Denken". Nach einem jahrelangen Stillstand in der Gesellschaft (bei
weitem nicht nur der Politik) ist nun Fortschritt, Innovation und
Avantgarde angesagt. Hinter dem Stillstand stand ein Wohlstand, der
satt machte. Hinter dem jetzigen Aufbruch im Denken steckt die
Erkenntnis, dass die vergangenen Jahre unendlich fad waren, denn die
altbekannten Rezepte funktionieren nicht mehr.

Der Arbeitsmarkt steckt in einem Umbruch, die meisten müssen in ihren
Jobs (egal ob selbst- oder unselbständig) Flexibilität in ungeahntem
Ausmaß beweisen. Die Industrie steht vor einem Prozess der
Automatisierung, der das Fabriks-Konzept wegspült wie Hochwasser
einen alten Damm. Neue Kommunikationstechnologien bieten mittlerweile
mehr Möglichkeiten, als ein Einzelner verkraften kann. Neue Formen
des Zusammenlebens räumen mit den herkömmlichen europäischen
Familien-Modellen auf - in Stadt und Land. In der Kultur und in der
Forschung werden Ebenen betreten, die vor zehn Jahren bestenfalls in
Science-Fiction-Romanen vorgekommen sind. Sogar die Wahrnehmung von
Gott - egal in welcher Religion - hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten gewandelt. Das alles sind Entwicklungen, die seit
längerem von hellsichtigen Köpfen beschrieben werden. Doch nun kommen
diese Entwicklungen in der Gesellschaft an, werden von abstrakten
Überlegungen zu Gegebenheiten. Und damit für viele spürbar.

Ja, es stimmt, dass die europäischen (und auch österreichischen)
Polit-Systeme darauf nicht vorbereitet sind. Es sind Regeln zur
Absicherung einer Stabilität, die sich langsam auflöst.

Nationalstaaten haben keine Bedeutung mehr, weil sie die Probleme
nicht mehr lösen können. Demokratie wird in Frage gestellt, weil
Menschen verwirrt sind. Noch nie war die individuelle Freiheit in
Europa so groß - und gleichzeitig die Überwachung des Einzelnen im
Netz.

Die jetzige Entwicklung, Unerhörtes laut zu denken, ist großartig.
Angst-Reaktionen auf die kommende Normalität der Instabilität führen
zu Diktatur. Bestemm-Reaktionen führen in den Niedergang. Die alten
Denkmuster über Bord zu werfen, ist nicht leicht - aber es zahlt sich
aus. Und ist lustvoller als einer alten Zeit nachzutrauern, die auch
nicht so gut gewesen ist.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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