- 03.10.2014, 19:30:31
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Reinhard Göweil: "Mit voller Energie"
Ausgabe vom 4. Oktober 2014
Utl.: Ausgabe vom 4. Oktober 2014 =
Wien (OTS) - Die Energiewende in Europa, ausgehend von Deutschland,
ist Stückwerk. Die Idee wäre ja bestechend: Erneuerbare Energie aus
Wind und Sonne ersetzt schmutzige Kohle- und alte Atomkraftwerke.
Doch die gute Idee blieb im Ansatz stecken, der Gesamtmarkt ist nicht
darauf vorbereitet. Die Folge: Preise für fossile Energieträger
spielen verrückt, die Versorgungssicherheit gerät aus dem Tritt,
daneben rollt eine Subventionswalze für "grüne Energie".
Das führt zur kuriosen Situation, dass moderne Gaskraftwerke
abgeschrieben und abgeschaltet werden, während alte Kohlekraftwerke,
fleißig CO2 emittierend, auf Hochtouren laufen. Speicherkraftwerke
können Strom nur noch zu miesen Preisen verkaufen, den
Kraftwerksbetreibern fehlen Einnahmen und Investitionskraft.
Gleichzeitig beklagt die Industrie, dass die europäischen
Energiepreise viel höher sind als etwa in Nordamerika und China - für
manche Branchen ein eklatanter Wettbewerbsnachteil.
Nun machen sich im Oktober die EU-Regierungschefs auf, um die
EU-Klimaschutzziele zu definieren. Es ist zu befürchten, dass sie
dabei wohlklingende Reduktionen vereinbaren. Dass China und die USA
ihre Emissionen 2013 eklatant gesteigert haben, während diese in
Europa rückläufig waren, bleibt wohl unberücksichtigt.
Es wird interessant sein, wie sich die Regierungschefs der EU zum
Thema Energie-Union äußern. Die ist ein Herzstück der kommenden
EU-Kommission, die große Frage lautet allerdings: Was ist eine
Energie-Union? Die Fortsetzung der politischen Kakophonie kann es
nicht sein. Vielmehr wäre dabei gefragt, einen europäischen Markt zu
schaffen. Eine funktionierende Energie-Börse, die - in Euro notiert -
Preise für Gas und Strom festsetzen würde. Das allerdings würde
bedeuten, dass es keine langfristigen Lieferverträge zu fixen Preisen
mit Gazprom mehr geben könnte. Die OMV verfügt über solche, auch
deutsche Energiekonzerne.
Aber es würde die Marktmacht von den Lieferanten zu den Verbrauchern
verschieben, ein gewollter Vorgang. Und auch der sogenannte
Emissionshandel, also der Handel mit "Verschmutzungsrechten", muss
neu aufgesetzt werden. All dies reduziert den politischen Einfluss
von nationalen Regierungen im Bereich Energie. Ob Europa dazu bereit
ist? Wenn nein, ist leider eines gewiss: Die Wettbewerbsfähigkeit der
EU wird weiter sinken.
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