OÖNachrichten-Leitartikel: "Eurokrise ohne Pause. Das macht mürbe", von Gerald Mandlbauer

Ausgabe vom 4. Oktober 2014

Linz (OTS) - Wieder einmal geht es für Europa um alles, schreibt die "Frankfurter Allgemeine." Nein, nicht die Ukraine ist gemeint, nicht das Wiederaufflackern eines Kalten Krieges, nicht die dramatischen Auswirkungen der Flüchtlingswelle.
Wir haben es mit einer anderen Auseinandersetzung zu tun, die im blinden Winkel der großen Weltpolitik verläuft, aber nicht minder bedeutend ist, nur schwerer verständlich, extrem sperrig und komplex. Es handelt sich um die europäische Geld- und Notenbankpolitik, also einen Bereich, den der Großteil der Bürger ungefähr so unterhaltsam und spannend findet wie ein Testbild im Fernsehen. Im Zentrum steht unser Geld - um dessen Werterhalt mit immer größerem Einsatz gekämpft wird, diese Woche mit bisher nicht gekannten, radikalen Zügen.
Die Europäische Notenbank hat vorgestern entschieden, auch Kredite mit "Ramsch"-Status in gigantischem Volumen aufzukaufen. Für uns eingedeutscht. Das bedeutet nicht weniger als das Ergreifen eines ultimativen, letzten Mittels, es ist der nochmals beschleunigte Druck von viel mehr Geld.
Damit schöpft die Notenbank ihr Waffenarsenal weitgehend aus. Die Zinsen liegen nahe null. Der Kurs des Euro schwächelt, niedriggeredet durch die Absicht der Zentralbank, damit Exporte zu verbilligen.
Ob dieser Mix wirkt, hängt daran, ob die Absichten der Notenbanker endlich von der realen Politik unterstützt werden. So ist es weiterhin Normalität, dass Staaten ihre Tätigkeiten ausweiten, damit Wohlstand von den Privaten zu sich selbst umverteilen - als ob sich die Effekte übertriebener Schulden durch immer neue Schulden mildern ließen. Besonders perfektionieren dieses Prinzip die Schwergewichte Frankreich und Italien. Beide Länder haben vor, ihre Reformbemühungen dem Wirtschaftsverlauf anzupassen, soll heißen, zu verlangsamen. Auch das wurde diese Woche bekannt. Beide Länder könnten sich durch die Notenbankentscheidungen von dieser Woche dazu ermutigt fühlen, ihre Anstrengungen zu verschieben.
Dafür, dass es in Frankreich und Italien um unser Geld geht, reagieren wir ganz schön gelassen. Wer von uns, Hand aufs Herz, interessiert sich dafür, was in beiden Ländern geschieht - oder besser gesagt: Nicht geschieht. Das ständige Gerede von der Eurokrise, vor allem ihre Dauer, hat uns betäubt. Unsere Sensoren funktionieren nicht mehr.

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