• 30.09.2014, 19:30:31
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Thomas Seifert: "Occupy Central"

Ausgabe vom 1. Oktober 2014

Utl.: Ausgabe vom 1. Oktober 2014 =

Wien (OTS) - Heute vor 65 Jahren stand Mao Zedong auf einer Plattform
am Tiananmen und rief die Volksrepublik China aus. Chiang Kai-shek
hatte sich damals mit seinen Getreuen nach Taiwan geflüchtet,
Hongkong war britische Kronkolonie, Macao portugiesisch. Für China
gehörten Taiwan, Hongkong und Macao aber stets zu China, das
Versprechen Deng Xiaopings lautete dann in den 1980er Jahren: "Ein
Land, zwei Systeme." Hongkong, Macao und Taiwan könnten ihr
kapitalistisches System behalten, während China sozialistisch bleibe.
Um Mitternacht am 30. Juni 1997 wurde im Hongkong Convention Center
in Wan Cai der Union Jack eingeholt und die chinesische Flagge
gehisst - für viele Chinesen ist dieses Datum fast ebenso bedeutsam
wie der 1. Oktober 1949, der Tag der Ausrufung der Volksrepublik. Das
"Jahrhundert der Erniedrigung", in dem China nach den Opiumkriegen
1840 gezwungen war, Hongkong an London abzutreten, war zu Ende.

Doch Hongkong blieb stets ein aufmüpfiger Stachel im Fleisch der
Volksrepublik. In der ehemaligen Kronkolonie, in die sich 1989 nach
der blutigen Niederschlagung der Tiananmen-Studentenbewegung viele
Aktivisten flüchteten, hat sich eine lebendige Zivilgesellschaft
entwickelt, die auf Umweltprobleme in China ebenso lautstark hinweist
wie auf miese Arbeitsbedingungen für chinesische Arbeiter, die in den
riesigen Fabriken - auch für westliche Markenartikler - malochen
müssen. Kein Wunder, dass Pekings Staatssicherheitsministerium stets
ein waches Auge auf die Vorgänge in Hongkong hat.

Seit dem Wochenende finden nun unter dem Banner "Occupy Central" in
Central, dem Hongkonger Business-Distrikt, die größten Proteste seit
der Rückgabe der Kronkolonie an China 1997 statt. Der Grund dafür:
2017 sollen in Hongkong Wahlen stattfinden, doch die Führung in
Peking will dabei nur handverlesene Kandidaten zuzulassen,
Regierungskritiker werden wohl nicht auf dem Stimmzettel stehen.

Während der britischen Kolonialherrschaft habe es auch keine
Demokratie gegeben, Kritik gab es aber damals nicht, stellt ein
chinesischer Diplomat bitter fest. Damit hat er zwar recht, aber
Hongkongs Bevölkerung wurden bei der Rückgabe an China Autonomie und
Demokratie versprochen. Dieses Recht fordert sie nun ein. Und so wird
Hongkong am 65. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik zum
Lackmustest für die Richtung, in die Präsident Xi Jinping China
führen will.

www.wienerzeitung.at/leitartikel

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