- 21.08.2014, 19:30:31
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Wiener Zeitung - Leitartikel von Walter Hämmerle: "Verfluchtes Dilemma"
Ausgabe vom 22. August 2014
Utl.: Ausgabe vom 22. August 2014 =
Wien (OTS) - Die Mörderbande des "Islamischen Staats" (IS) ist keine
Truppe religiös entrückter Dschihadisten. Bevor sie den
US-Journalisten James Foley auf bestialische Weise ermordete und die
Tat als Konsequenz der US-Luftangriffe darstellten, versuchten die
Terroristen, für die Freilassung Foleys 100 Millionen Dollar zu
erpressen.
Geld gegen Leben: Auch der IS bedient sich also einer weltlichen
kriminellen Rationalität gewissenloser Verbrecher - wie vor ihm schon
Al-Kaida und andere radikalen Islamisten. Laut Berechnungen der
britischen "Times" haben diese Gruppen in den letzten fünf Jahren
rund 125 Millionen US-Dollar an Lösegeldern für entführte Europäer
eingenommen, um ihren Kampf gegen den Westen und seine Werte zu
finanzieren.
Beim Umgang mit diesen Entführungen zieht sich allerdings ein Bruch
durch die westliche Wertegemeinschaft: Anders als die allermeisten
europäischen Staaten (darunter mit ziemlicher Sicherheit auch
Österreich) verweigern die Regierungen in Washington und London
grundsätzlich die Zahlung von Lösegeldern, um gefangene Staatsbürger
freizukaufen. Die Logik für diese Härte liegt auf der Hand: Wer
Entführer bezahlt, und sei es auch in aller Heimlichkeit, unterstützt
deren Geschäftsmodell.
Die ungeheure Grausamkeit der Dschihadisten stellt den Westen also
auch vor eine moralische Herausforderung. Kühle, abstrakte Vernunft
gebietet, dass sich ein Staat nicht erpressen lassen darf, weil er
ansonsten nur zahllose Nachahmungstäter motiviert. Demgegenüber steht
die Tragödie des konkreten Einzelschicksals: das Leben eines
Menschen, das - und dies ist keineswegs nur eine Floskel - mit Geld
nicht aufzuwiegen ist.
Wer solche Entscheidungen treffen muss, trägt ungeheure Last. Kein
Wunder, dass darüber keine Debatte stattfindet - das Schicksal einer
Geisel lässt sich medial nicht verhandeln. Aber die unterschiedliche
Strategie im Umgang mit Lösegeldforderungen - Kontinentaleuropäer
zahlen, wenngleich stillschweigend, US-Amerikaner und Briten zahlen
nicht - schwächt den Westen. Eine kohärente Strategie für den Umgang
mit den Terroristen vom IS lässt sich so nicht verfolgen. Die
Dschihadisten wissen dies und profitieren davon, zumal - wie der Mord
an Foley zeigt - immer mehr von ihnen aus dem Westen selbst stammen.
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